Hörenswert

Captain Beefheart & The Magic Band: "Ice Cream For Crow." Es ist nach all den Jahren, die seit "Safe As Milk" und "Trout Mask Replica" vergangen sind, immer noch unmöglich, die zwischen Delta Blues und dissoziativem Rock-Surrealismus oszillierende Musik des Captain Beefheart in irgendeiner Begriffsschublade abzulegen. Für Generationen von Pop-Neutönern ist er eine Vaterfigur gewesen, ohne daß er jemals so etwas wie einen Stil begründet hätte, der zur Formel oder Blaupause für Nachahmer geworden wäre. Natürlich steckt hinter einem Song wie "Ink Mathematics" kompositorische Methode (der Titel erklärt sie), aber was vielleicht das faszinierendste an seiner Musik ist: Diese Sprachspiel-Experimente behaupten störrisch, daß es so etwas wie nicht domestizierte Phantasie (und Leben in der Wüste) gibt. Leben in der Wüste der Rock-Klischees! Auch wenn man manches von "Ice Cream For Crow" irgendwie schon auf früheren Beefheart-Platten meint gehört zu haben: Dies ist Musik, die den Kopf frei macht. (Virgin 204 957) Franz Schüler

Sonja Kehler: "Mitteilung an meine bedrückten Freunde." Man spürt von den ersten gesungenen Sätzen an: Das ist eine Schauspielerin, und es ist eine aus Berlin, und sie steht vermutlich, wie man so sagt, mit beiden Beinen fest im Leben. Und sie kann mit Texten umgehen und – nein, nicht gleich strahlend singen, aber: mit Musik umgehen, so, daß sie alle Aufmerksamkeit wiederum auf die Texte lenkt. Beides kommt auf dieser Schallplatte – die einen Bühnenauftritt wiedergibt und die Nähe des Publikums merken läßt – vor, das Gesungene und das Gesprochene, und es hat den schönen Anschein, als sei die Stückefolge überlegt komponiert. Die Lieder sind mit viel Phantasie und Witz instrumentiert und sind schon dadurch allem Üblichen fern, und sie werden mit unüberhörbarem Vergnügen gespielt: die Truppe paßt zueinander, sie hört aufeinander, sie stützt sich gegenseitig, kurzum: Sie sind eins, ob bei Brecht, bei Walter Mehring oder beim Volksmund, oder bei Volker Braun, Peter Hacks oder Kurt Bartsch (und anderen). Die kesse, aber auch sehr nachdenkliche Vorführung ist etwas, was man wohl am besten mit Cabaret überschriebe: Menschen- und Zeitkritik, gültig drüben und haben, vorgebracht in Songs, Gedichten, Parodien. Es geht sarkastisch zu, auch sehr direkt, und Ironie wird verstanden, ohne daß sie sich dafür aufplustert. (Linkshändle, Heubergstr. 8, 7000 Stuttgart 1, Nr. 0281 LR) Manfred Sack