Von Petra Kipphoff

Matisse und Picasso: Sie gingen in hochachtungsvoller Anerkennung um einander herum. "Im Grunde gibt es nichts als Matisse", sagte Picasso. "Nur Picasso kann sich alles erlauben. Er kann alles verwirren. Entstellen, verstümmeln, zerstückeln. Er ist immer, er bleibt immer im Recht", sagte Matisse. "Deshalb allein zum Beispiel ist Matisse Matisse: weil er die Sonne im Leib hat", sagte Picasso. Zwei Antipoden beschreiben die Alternative und ergeben das Ganze.

Es gibt kaum einen modernen Klassiker, der so ausinterpretiert worden ist wie Picasso. Der von ihm selbst zum Gegenpol ernannte Matisse aber ist, verglichen mit Picasso, ein sparsam ausgestellter und kommentierter (und dabei wahrscheinlich doch beliebterer) Künstler. Das liegt natürlich zum einen daran, daß Picasso ein überwältigend umfangreiches und alle Gattungen der Kunst einschließendes Werk hinterlassen hat, wohingegen Matisse in erster Linie als Maler und dann erst als Bildhauer und Zeichner gearbeitet und ein für sein langes Leben nicht übermäßig umfangreiches Werk hinterlassen hat. Und es liegt auch daran, daß Matisse schon relativ früh begeisterte Privatsammler hatte, die einige seiner Hauptwerke von Anfang an dem Blick der Öffentlichkeit entzogen.

Die reichen und kunstbegeisterten Moskauer Kaufleute Sergej Schtschukin und Iwan Morosow gehörten zwischen 1908 und 1911 zu den wichtigsten Kunden in den Pariser Ateliers und Galerien. Allein Schtschukin, der Matisse auch nach Moskau einlud und bei ihm 1909 die großen Wandgemälde "La danse" und "La musique" in Auftrag gab, hinterließ, als er emigrieren mußte, 37 Werke von Matisse (die heute, zusammen mit den anderen Bildern der Nabis, Impressionisten, der Fauves und von Picasso die staatlichen Museen in Moskau und Leningrad zieren). Ein paar Jahre früher noch als die Russen hatten die amerikanischen Geschwister Leo, Gertrude und Michael Stein, Michaels Frau Sarah und Gertrudes Freundinnen Claribel und Etta Cone aus Baltimore die Bekanntschaft von Matisse gemacht, aus der eine langjährige Freundschaft wurde (das Museum von Baltimore besitzt heute 40 Ölgemälde und 18 Skulpturen von Matisse).

Man sieht: Es gibt genug sachliche Gründe dafür, daß Matisse immer eher als konstante Größe der modernen Kunst anerkannt denn als ewiges Skandalon diskutiert und nach allen Seiten gedreht und gewendet wurde. Oder hat Matisse sich vielleicht dadurch zum Gegen-Skandalon gemacht, daß er genau in den Jahrzehnten der größten Manifeste und Umbrüche, daß er während der Turbulenzen von Kubismus und Dada, Surrealismus, Futurismus und Suprematismus in seinen "Notizen eines Malers" (1908) jenen aus dieser Zeit total herausfallenden Satz schrieb: "Ich träume von einer Kunst des Gleichgewichts, der Reinheit, der Ruhe, ohne beunruhigende und sich aufdrängende Gegenstände, von einer Kunst, die fürjeden Geistesarbeiter, für den Geschäftsmann so gut wie für den Literaten, ein Beruhigungsmittel ist, eine Erholung für das Gehirn, so etwas wie ein guter Lehnstuhl, in dem man sich von physischen Anstrengungen erholen kann."

Liegt es vielleicht auch an diesem viel zitierten und oft nur simplifiziert verstandenen Satz, daß Matisse nicht so viele Interpretationslöwen herausgefordert hat wie Picasso oder Duchamp, Max Ernst und Malewitsch? Ist er weniger interessant, weil er nur die "Sonne im Leib", aber nicht die Revolte im Blut und das Welträtsel im Unterbewußtsein hatte?

Man könnte es bei einem nonchalanten "Warum nicht?" belassen und sich darauf zurückziehen, daß hier kein oktroyiertes Mißverständnis vorliegt, sondern daß Matisses Selbstverständnis als Künstler wirklich in der Feier des harmonisch und unverstellt Schönen lag. Man kann allerdings auch gerade darin eine Tat des sanften Widerstands eines Einzelgängers entdecken, eine Verweigerung, die darin besteht, dem rundum revoltierenden Zeitgeist und der in Selbstdemontage befindlichen Welt die Botschaft der Schönheit und Ruhe entgegenzusetzen.