An der Universität Bern hat man die Sünden der Schweizer Fremdenverkehrspolitik erforscht. Fazit: Um der Zerstörung Einhalt gebieten zu können, müßte zunächst auch der Schweizerische Fremdenverkehrsverband saniert werden.

Als es 1979 ein Tourismus-Konzept zu entwickeln galt, gaben sich die honorigen Herren des Schweizer Bundesrates resolut. Im Befehlston formulierte die Kommission ihre Sanierungsrezepte: "Weitere Erschließung mit touristischen Transportanlagen stoppen" oder "Optimalen Endausbau der Ferienorte festlegen", hieß es apodiktisch. Daß die markigen Politiker-Sprüche bisher ohne Konsequenzen blieben, versucht Professor Jost Krippendorf mit einer Dokumentation über "Fehlentwicklungen im Schweizer Tourismus" nachzuweisen, die jüngst in seinem Forschungsinstitut für Fremdenverkehr der Universität Bern zusammengestellt wurde.

Stichwort für Stichwort, von "Auslastung" bis "Wirtschaftsstruktur", mißt die Studie die erklärten Ziele eidgenössischer Fremdenverkehrspolitik an der Wirklichkeit. Gleichbleibendes Ergebnis: Der Massentourismus schreitet fort, mit Riesenschritten weg vom Schweizer Ideal, allen Beteiligten "möglichst hohen Nutzen" zu bescheren, selbstverständlich bei "gleichbleibender Minimierung der Nachteile ökonomischer, ökologischer und sozialer Art".

Ferien- und Zweitwohnungen beispielsweise schießen noch immer wie Pilze aus dem Boden, obwohl die Politiker Baueinschränkungen forderten. So viele Camper und Jugendgruppen könnten die Schweiz gar nicht heimsuchen, als daß sie nicht irgendwo einen Schlafplatz fänden: 816 000 Betten, so die Untersuchung, hatte die Parahotellerie 1980 anzubieten, 65 Prozent mehr als 1970.

Unbekümmert ob umweltschützerischer Proteste ziehen die Schweizer stur neue Transportanlagen hoch, in jedem Jahr 15 bis 20 Seilbahnen und etwa dreißig Skilifte. Eine seit 1978 existierende Konzessionsverordnung schert keinen, klagt Krippendorf, Architekten und Bauherren interessieren allein auf den Spitzenbedarf dimensionierte Straßen, Sporthallen oder Ferienhäuser. Dabei liegt nach der Untersuchung die durchschnittliche Auslastung von Ferienwohnungen bei nur 18 Prozent, die von Liftanlagen gar nur bei 12 Prozent.

Die sanierungsbedürftige Schweizer Hotellerie dagegen (mehr als die Hälfte aller Häuser entstand vor dem Ersten Weltkrieg) fristet nach Ansicht der Fremdenverkehrsforscher ein kümmerliches Dasein. Fünf Prozent der Betriebe mußten in den letzten Jahren zusperren, viele kleinere Hotels haben kaum genügend Geld, ihre jährlichen Erhaltungskosten zu decken, geschweige denn, umfassend zu renovieren.

Gnadenlos zeiht das Berner Institut die Fremdenverkehrspolitiker aller klassischen Tourismusdelikte, sei es nun Übererschließung, Über- und Entfremdung, Zerstörung der Ortsbilder oder der landwirtschaftlichen Strukturen. Allerdings: Für so manche forsch hingeknallte Behauptung – zum Beispiel die, daß de Eidgenossen ihre Gäste nicht mehr leiden können – bleibt die Wissenschaft Beweise schuldig. Nicht zufällig, denn ihr atemberaubender Sündenkatalog verfolgt ganz handfeste Interessen: den Schweizerischen Fremdenverkehrsverband aufzuwerten, ihm zu mehr Geld und Einfluß zu verhelfen.