Von Helmut Schödel

Singapore Sling“ heißt ein Theaterstück, das im Frühjahr in San Francisco Premiere haben wird. Auf deutsch könnte der kalifornische Abend heißen: „Im Banne Singapurs.“ Ein Titel für einen Reiseprospekt: Das einheimische Fremdenverkehrsbüro rühmt die Insel zwischen Bangkok und Bali, Sumatra und Borneo als „die aufregendste tropische Insel der Welt“.

Das Stück, das vorgibt, auf dieser Insel zu spielen, wurde vor einem Jahr in Graz geschrieben. Im österreichischen Original hat sein Autor Wolfgang Bauer statt eines reißerischen Titels dem Text drei Fragen vorangestellt: „Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?“ Bei Novalis noch gingen wir „immer nach Hause“. Obwohl weder Malayen, noch Inder, Chinesen oder Briten, gehen wir bei Bauer immer nach Singapur, woher wir angeblich auch gekommen sind, wenn nicht Touristen, was sind wir?

Für Wolfgang Bauer, den einstigen Singapur-Reisenden, ist die Insel kein geographischer, sondern ein symbolischer Ort: ein gefährliches, ein gefährdetes Paradies. Weil Bauers Insel nicht von dieser Welt ist, kann sie (ver-)zaubern: „Singapore Sling“. Bei der Uraufführung des Stücks in den Bad Godesberger Kammerspielen, einer Dependance des Bonner Stadttheaters, hat dieser Zauber versagt. Vom Premierenpublikum wurde die Insel radikal und lautstark abgelehnt. Als Bauer, mit einer Nelke im Knopfloch, zum Schlußapplaus kam, schimpfte ein Premierengast aus den vorderen Reihen entrüstet auf ihn ein. Bauer brüllte im Bühgeschrei zurück. Schmutziges kleines Stück: „Singapore Stinks.“

Am Tag zuvor wurde auch in einem Grazer Kellertheater ein Stück von Wolfgang Bauer uraufgeführt. Bauer hat diese grazianische Antwort auf „Huis Clos“ 1961 geschrieben: „Batyscaphe oder die Hölle ist oben.“ Den Schauplatz hat Bauer selber für eine Liebhaberausgabe des Textes, die in einer Auflage von 300 signierten Exemplaren im Grazer Droschl-Verlag erschienen ist, selber gezeichnet. In den wirren Linien eines bleistiftdunklen Meeres verschwindet eine Taucherkugel. Die Menschen, die sich in ihr befinden, sind zu einem Menschenbündel zusammengepfercht. Über der Kugel steht in Bauers Handschrift eine Ortsangabe: „weit unten“. Kurz vor dem Reich der Toten, tief unten im Meer spielt „Batyscaphe“. Obwohl von Grazer Bauer-Fans gefeiert, war auch diese Aufführung kein reines Vergnügen.

Zur Zeit leben wir nicht in Singapur. Unser Paradies, das nicht für alle eines war, ist in Schwierigkeiten. Politiker reden von Zwangsabgaben. Fast nur noch Zwangsvorstellungen bieten unsere Repertoiretheater. Denn was nicht einmal ein Industriebetrieb wagen würde: seine Forschungs- und Entwicklungsabteilung ersatzlos zu streichen, hat sich das Theater schon seit Jahren erlaubt. Zugunsten von interessanten Großprojekten hat es auf Werkräume verzichtet (und damit auf Zukunft). Wenn auf den Werkstattbühnen auch nicht das reine Theaterglück wohnt, sie waren und wären der Ort, es zu suchen. Jedes schmutzige kleine Stück ist heute wichtiger als das immergleiche Drama, das uns viele (ehemalige) Regiewunder zeigen. Denn deren Stück heißt „Schwanensee“.

Im Bonner Stadttheater gibt es, seit Paul Kruntorad Chefdramaturg ist, eine mutige Forschungsabteilung. Zur Zeit stehen auf dem Bonner Spielplan gleich drei Stücke zeitgenössischer Autoren, Dramen von Elfriede Jelinek, Martin Walser, Wolf gang Bauer; sind weitere Premieren dieser Autoren geplant; ist man mit dem Schweizer Schriftsteller Jürg Laederach schon im Gespräch. Nachrichten aus Singapur.