Das macht ihn schon wieder sympathisch: Wahrscheinlich hält sich Peter Maffay tatsächlich für einen deutschen Rocker und nicht für einen Vertreter der deutschen Schlagermusik, so daß es ihm auch nicht viel ausmacht, im Vorprogramm der Rolling Stones vom Rock-Publikum ausgepfiffen zu werden. Und wahrscheinlich meint er, nicht einen Schlager zu singen, sondern ein ernstes und unter die Haut gehendes Warn- und Mahnlied, wenn er „Eiszeit“ singt.

Die gute Metapher „Eiszeit“ für vielerlei mögliche Kälteperioden der Zukunft stammt nicht von ihm. Wo die Schweizer Protestbewegung Schaufensterscheiben einschlug, zerschlug sie mit dem Glas das „Eis“ der kalten Kommerzwelt.

Komischerweise ist Maffays Eiszeit vor allem ein Hitzephänomen: „Berge spucken Lava“, „aus der Quelle schießt Glut“. „Eiszeit“ scheint für ihn zu sein, wenn es ungemütlich warm wird. Nun, es ist ja auch nur ein Schlager.

Was Maffay meint, ist die Apokalypse eines Atomkriegs. Aber die Ausmalung von Apokalypsen sollte besser Leuten mit poetischer Begabungvorbehalten sein. Sonst kommt so etwas wie „Eiszeit“ heraus, Verse, die ein real sehr wohl mögliches Grauen so schildern, daß jeder merkt: Also das ist ja wohl nun doch reichlich übertrieben. Zu Vulkanausbrüchen werden Wasserstoffbombenexplosionen nicht führen, und kämen sie vor, schösse die Lava nicht gleich bis „in den silberklaren Mond“. Unter Hochspannung („Milliarden Volt“) wird die Erde auch nicht stehen. Wenn aus Quellen Glut schießen sollte: „bis zum Saturn“ kommt sie nicht. Die Meere werden nicht untergehn, die Kontinente werden nicht aufeinander zurasen, und das auch noch in Sekunden. Und selbst wenn: Was machte es? Der Schlager läßt ein entsprechendes vulkanisches Schauspiel stattfinden, betrachtet aus der Perspektive des Mannes im Mond (der sich nur, um es zu genießen, gegen die heraufspritzende Lava etwas vors Gesicht halten müßte). Die Vorgänge beim Atomkrieg werden längst nicht so spektakulär sein; dafür werden sie leider von Menschen erlebt werden. Maffays vermeintliches Warnlied überbringt ihnen nur eine Botschaft: Wie auch immer es kommt, so kommt es nicht. Es warnt nicht, es sediert.

Drei Dichter haben an dem Werk gewirkt, mit Namen Dhana Moray, Claudia Nay und Michael Marian. Vielleicht verlief die Kreation folgendermaßen (es erklärte das Ergebnis). Dhana: Blut spritzt ... also sagen wir: bis an die Wolken. Claudia: Du, also Wolken finde ich viel zu niedrig. Besser was Weiteres. Geht Mond? Michael: Mond hatten wir schon. Es muß doch noch was Weiteres geben. Wie hieß dieses Dings da noch? Saturn? Peter: Saturn klingt echt gut. Das nehmen wir: Glut schießt bis an den Saturn.

Dieter E. Zimmer