Von Hans-Heinrich Wilhelm

Die Bücher, in denen die diffizilen Fragen der Geheimdienst-Aktivitäten im Zweiten Weltkrieg mit dem unverzichtbaren internationalen Hintergrund in der gebotenen Nüchternheit aufbereitet und kritisch abgehandelt werden, sind leider Mangelware. Insofern ist eine Sammelpublikation, in der in nachahmenswerter Kürze der Versuch gemacht wird, den Einflüssen wenigstens einiger wichtiger Geheimdienste auf die Widerstandsbewegungen in Deutschland und einigen besetzten Ländern auf die Spur zu kommen, auf alle Fälle ein Lichtblick:

Gerhard Schulz (Hrsg.): „Geheimdienste und Widerstandsbewegungen im Zweiten Weltkrieg“. Mit Beiträgen von Jürgen Heideking, Franz Knipping, Thomas Koch, Hermann-Josef Mallmann, Gerhard Schulz; Verlag Vandenhoeck und Rupprecht, Göttingen 1982, 230 S., DM 92,-.

Die Ergebnisse können sich sehen lassen, wenn es sich auch einstweilen nur um Teilergebnisse handelt. Zu einer international ausgewogenen Geschichtsschreibung des Anteils der Geheimdienste aller Länder an der Geschichte des Zweiten Weltkriegs fehlt noch viel. Daß einige Länder mit der Herausgabe der einschlägigen Akten auch jetzt noch zögern, ist in diesem Zusammenhang nur ein Indiz; ein weiters ist es, daß deutsche Forscher trotz Verfügbarkeit der deutschen Akten und zu unterstellender Auskunftswilligkeit zahlreicher noch lebender Augenzeugen zögern, auch die verschiedenen deutschen „Dienste“ in den von ihnen offenbar angestrebten internationalen Vergleich miteinzubeziehen.

Wer sich rasch zuverlässig informieren will, weshalb man vor allem in England vor dem Zweiten Weltkrieg sich von einem schlagkräftigen Geheimdienst große Dinge versprach und später andere Länder mehr oder minder erfolgreich das englische Beispiel nachzuahmen versuchten, wird bei Schulz und seinen Co-Autoren fast alles Wissenswerte zusammengetragen finden. Auf eine fast schon zu handwerksmäßig „unvoreingenommene“ Art erläutern und erörtern sie, welche Vorteile sich aus einer mit dem Gentleman-Ideal brechenden Kriegführung für London aus Londoner Sicht ergaben – und welche zusätzlichen Vorteile, wenn es gelang, auch andere Länder zu einer Kriegführung dieses „neuen“ Stils zu bewegen.

Sie weisen auch darauf hin, daß ohne die Erfahrungen mit der irischen Unabhängigkeitsbewegung und ohne das romantisch verklärte Vorbild des „Lawrence of Arabia“ in England 1938/39 möglicherweise niemand auf den Gedanken gekommen wäre, es mit einem unkonventionellen Konzept auch in einer militärischen Auseinandersetzung mit Hitler-Deutschland zu versuchen: auf den britischen Inseln zog man aus den Erfahrungen des ersten Weltkriegs teilweise ganz andere Schlüsse als die Blitzkrieg-Strategen in Berlin und in einigen anderen europäischen Metropolen.

Dagegen bleiben die rechtlichen und die moralischen Aspekte eines vornehmlich auf fremden Boden ausgetragenen Guerilla-Krieges, dessen Hauptlast die Verbündeten Englands zu tragen hatten, während London sich darauf beschränkte, das Konzept zu entwerfen, die erforderlichen Instrukteure zu schicken sowie Waffen, Munition und Geld zu stellen, bei Schulz und seinen Autoren leider ziemlich unterbelichtet. Wenn es funktionierte, war das Konzept für London das billigste und das bequemste, das man sich wünschen konnte. Aber stand zu erwarten, daß sich die Verbündeten Englands mit einem so dürftigen und – zweifelhaften Beitrag Londons zufriedengaben? Es sprach für sich und sehr gegen eine hinreichende demokratische Legitimation des geplanten Vorgehens, daß London weder der eigenen Bevölkerung noch den Verbündeten reinen Wein einzuschenken wagte, wie es sich die levée en masse gegen Hitler dachte.