Von Volker Mauersberger

Madrid, im November

Selbst in der Stunde seines größten Sieges gibt sich Felipe Gonzales keinen Triumphgefühlen hin. Als er am Morgen nach der Wahl im Foyer des Palace-Hotels erscheint, wirkt er ernster und verschlossener als sonst. Den Blick nach innen gekehrt, bahnt er sich seinen Weg durch die begeisterte Menge. Seit einer Stunde ist es gewiß: Spaniens Sozialisten haben diese Wahl mit gewaltigem Vorsprung gewonnen. Ist es die neue Bürde des Regierungschefs, die Felipe Gonzales fast hölzern auf das Rednerpult zugehen läßt? Ungeschickt entfaltet er, der sonst meistens frei spricht, das Redemanuskript, so, als sei die nun folgende Ansprache bereits für die Regierungs-Archive geschrieben. "Wir sind darauf vorbereitet", sagt der Wahlsieger mit heiserer, ein wenig belegter Stimme, "die Verantwortung zu übernehmen, die das spanische Volk in unsere Hände gelegt hat."

Der Satz klingt lapidar, und doch sind Gonzales und seine Freunde vom Ausmaß ihres Wahlerfolges völlig überrascht. Zum erstenmal seit ihrer Gründung vor fast hundert Jahren ist der spanischen sozialistischen Arbeiterpartei die alleinige Regierungsverantwortung zugefallen. "Die Sozialisten haben in diesem Land kaum länger als zwei Jahre regiert", hatte der Kandidat während des Wahlkampfes immer wieder betont. Gemeint war die sozialistische Regierungsbeteiligung an den Mitte-Links-Kabinetten der zweiten spanischen Republik, die mit der Vertagung des letzten republikanischen Parlamentspräsidenten im Jahre 1936 geendet hatte. Auch wenn die Sozialisten in den letzten Jahren unter der Führung von Felipe Gonzales neues Selbstbewußtsein gewonnen, alle Minderwertigkeitskomplexe gegenüber dem spanischen Bürgertum abgelegt und sich immer entschiedener als politische Alternative angeboten hatten, sie litten doch weiter unter ihren traumatischen Erfahrungen.

Ihre Partei war immer – und viel stärker als alle Bruderparteien in Europa – eine Partei der Verfolgten, Geächteten und Unterdrückten gewesen. Noch 1910 hatte der sozialistische Parteivater Pablo Iglesias – ein spanischer August Bebel – als einziger Parlamentskandidat den Sprung in die Cortes geschafft, die seine Nachfolger nun mit über zweihundert Mandatsträgern bevölkern. Selbst ihre größten Wahltriumphe, etwa bei den Parlamentswahlen 1931, waren weit von dem erdrutschartigen Erfolg dieser Wahl entfernt: Damals wurde Spaniens sozialistische Arbeiterpartei mit 117 Abgeordneten stärkste Fraktion, doch interne Parteikämpfe und das Aufkommen einer autoritären Rechten sorgten dafür, daß sich der sozialistische Vorsprung rasch dezimierte – den Ausbruch des Bürgerkriegs und ihr Verbot durch die franquistische Polizei haben 1936 genau 99 Abgeordnete der Sozialisten-Fraktion erlebt.

Felipe Gonzales, dessen Vater ein Azanista, ein linksgerichteter Republikaner und Gewerkschafter war, hat diese Periode der Verfolgung niemals vergessen. Im Gegensatz zum Revisionismus-Streit in der deutschen Sozialdemokratie hat es eine andauernde Theorie-Diskussion in der spanischen sozialistischen Partei nie gegeben. In dem Land, das durch Bürgerkriege müde und korrupt, durch koloniales Mißgeschick demoralisiert und hoffnungslos geworden war, versuchten Spaniens Sozialisten durch Lebenshaltung und demokratische Tugenden ein Vorbild zu sein.

"Diese Handvoll Sozialisten, die sich gegen Beleidigung und Verleumdung durchsetzen mußten, zogen mit der Sendungsgläubigkeit von Aposteln durch das Land", schrieb ein Zeitgenosse. Das Bild paßt auf den jungen Felipe Gonzales, der sich früh der katholischen Arbeiterjugend seines Wohnbezirkes in Sevilla angeschlossen hatte. Nicht nur soziale, auch moralische Ungerechtigkeit hat den Schüler und Studenten Felipe Gonzales empört, der sich in der knappen Freizeit, die ihm neben der Mitarbeit im väterlichen Viehhandel blieb, mit Schriften Karl Rahners, mit Albert Camus, Jean-Paul Sartre und Antonio Machado beschäftigte. "Ich will immer sagen, was ich denke", versprach er im Wahlkampf. Während seines moralischen Kreuzzuges durch Spanien, bei dem er immer wieder auf "Ehrlichkeit", "Aufrichtigkeit" und "Würde" zu sprechen kam, fühlten sich alte Parteifreunde an die sozialistischen Vorfahren der Kampfzeit erinnert.