Von Klaus Pokatzky

Wir sitzen im Gemeindesaal von St. Pankratius in Worringen, einem ländlichen Vorort im Norden Kölns. Es ist Erntedankfest, Worringens Katholiken feiern diesmal sehr politisch. "Muß die Kirche grüner werden?" fragt der Pfarrer und kündigt als erste Rednerin die Journalistin Vilma Sturm "Vilma, du hast das Wort", sagt der Pfarrer. Und Vilmas Wort ist wie immer kurz und knapp und klar, sanft und sicher und bestimmt. Sie spricht von der Pflicht des Christenmenschen, die Schöpfung zu bewahren gegen Atombombenbauer und Umweltzerstörer: "Wir müssen endlich damit aufhören, so wie in den letzten 150 Jahren all die Erdschätze zu vergeuden, die wir vorher in Jahrmillionen erhalten haben." Da nickt das hennarote Mädel mit dem alternativen touch ebenso Zustimmung wie die beiden Omas mit Knoten im Haar ihr gegenüber.

Der Pfarrer wendet sich gegen die Verteufelung der Grünen durch manche Politiker. Ein Gärtner protestiert dagegen, daß Vilma Sturm so oft das Wort "radikal" benutzt. Der junge Diakon wünscht nachhaltig, "daß die Kirche grüne Farbe bekennt". Ein älterer Herr verlangt, "daß wir alle mehr Fahrrad fahren", und nimmt die Hauptrednerin für ihre Wortwahl in Schutz: "Als Ruferin in der Wüste kann Vilma Sturm gar nicht radikal genug sein."

Die Ruferin in der katholischen Wüste rutscht dann doch etwas unruhig auf ihrem Stuhl herum, als der Rundfunkredakteur, der als ihr Antipode eingeladen ist, verlangt, immer auch an die Arbeitsplätze in der Industrie zu denken: "Was haben die zehn Prozent Arbeitslosen davon, wenn sie im glasklaren Rhein baden können?" Für seine rhetorische Frage erhält er Applaus; aber sehr viel stärker noch ist der Beifall, den Vilma Sturm für ihr Schlußwort bekommt: "Umweltschutz hat nicht nur eine politische oder ethische, sondern auch eine religiöse Dimension. Die Schöpfung, die uns von Gott zu treuen Händen übergeben wurde, haben wir schonend und liebevoll zu behandeln."

Hinterher, als sie die zwei Stunden im katholischen Milieu resümiert, ist sie nicht unzufrieden mit sich. Als sie vor einem Jahr am selben Ort von ihrem Engagement in der Friedensbewegung erzählte, waren kaum dreißig Leute da – und der Widerstand gegen die "heimatlose Katholikin", wie ihr Freund Heinrich Böll sie einmal nannte, das Unbehagen und Mißtrauen wider ihre ebenso streitbaren wie sanft vorgetragenen Thesen um so heftiger.

Vielleicht hat sich inzwischen ja doch etwas bewegt in dieser sonst so starren Kirche – und vielleicht führt das am Ende doch zu der Kirche, für die Vilma Sturm so lange gestritten und gebetet hat: wo sich die Christen von den Mächtigen ab- und den Ohnmächtigen zuwenden, "zu einer mächtigen multinationalen Vereinigung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe werden".

Vilma Sturm stand stets in der vordersten Reihe jener couragierten Nachkriegskatholiken, die, fest im Glauben an den einen Gott und schwankend im Vertrauen auf die Institution Kirche, nicht zusehen mochten, wie ihre Bischöfe den bundesdeutschen Katholizismus zur Manövriermasse der CDU verkommen ließen.