"Eine kleine Eigenbrötlerin" hatte sie schon ihre Kindergärtnerin genannt, damals in Mönchengladbach, wo ihr Vater Berufsschuldirektor war. Schon mit sieben Jahren schrieb sie in ein großes Schulheft ihr "Buch für die reifere Jugend", Thema: "Katholicken und Heiden."

Das Religiöse hat sie auch später sehr viel mehr beschäftigt als das Politische. Hitler empfand sie zwar als "unsympathischen Menschen", aber sein Machtantritt ließ sie relativ kalt; auch die Bücherverbrennungen beeindruckten sie nicht, als sie, zwanzigjährig, in München Philosophie studierte. Doch die Ermordung Röhms und Hunderte seiner Anhänger und später die Reichskristallnacht empörten sie. Der Anschluß Österreichs indes ließ sie jubeln, daß "das Reich der Brudervölker wiedererstanden" war, wie es in ihrer spannenden Autobiographie ("Barfuß auf Asphalt", erschienen 1981) heißt. Und als dann folgerichtig der Krieg kam, hatte sie eine recht patriotische Einstellung: "Wer sich als Soldat beteiligte, war aller Verehrung, wer sich zu drücken versuchte, aller Verachtung wert."

Dabei lernte sie in jenen Jahren, sich ohne fremde Hilfe durchzuschlagen. Ihr Studium gab sie 1935 auf; für ihren Wunschberuf, Verlagslektorin oder Redakteurin, sah sie nämlich keine Zukunft mehr, als alle christlichen und katholischen Verlage "von der Bildfläche verschwanden". Also lernte sie Steno und Schreibmaschine und Buchführung auf einer Handelsschule, verdiente bei einem Volksbühnen-Verlag in Münster ihr erstes Geld. Dann hat sie einen Roman geschrieben und ein Kinderbuch und Erzählungen und Feuilletons – gelegentlich so schwülstige Werke, daß sie heute froh ist, "wenn sie niemand mehr zu Gesicht bekommt". Einen Job beim Rundfunk in Riga und in Luxemburg hatte sie, war in einem Internat Musiklehrerin, in einem Gasthaus Kindermädchen und am Ende des Krieges schließlich Organistin in der Dorfkirche von Wagrain im Salzburgischen.

Wichtiger als diese Daten, die nach Hektik und Chaos klingen, waren für Vilma Sturm aber die jahrelange Liebesbeziehung mit dem Pianisten WG, wie, sie in ihrem "unordentlichen Lebenslauf" den großen Walter Gieseking dezent umschreibt – und vor allem die Geburt ihrer Tochter Christiane direkt nach dem Krieg, deren Vater, einen Offizier, sie nicht heiraten mochte.

Wenn man sie heute erlebt, referieren, diskutieren, predigen hört, dann kann man sich schlecht die Verwirklichung ihres Jugendtraums vorstellen – Hausfrau und Mutter von gleich sieben Kindern zu sein. Aber das, was dann tatsächlich nach 1945 kam, kann man sich ohne Mühe vorstellen: Wie sie ihre Christiane durch die Nachkriegsjahre brachte, die alleinstehende katholische Mutter, das Fräulein Sturm, das endlich seinen Beruf fand – als sie zunächst Redakteurin beim konservativ-katholischen Rheinischen Merkur wurde und dann zur Frankfurter Allgemeinen Zeitung kam, wo sie 25 Jahre lang, vor allem fürs Feuilleton, schrieb.

In Köln lebend, also behütet mitten im katholischen Rheinland, hat diese gläubige Emanzipierte’ dann mit großer Leidenschaft und geschmeidiger Feder die "grünen" Themen beackert, als noch kaum ein Mensch von Umweltzerstörung und Naturkatastrophen sprach. Eine Prophetin der sich selbst zerstörenden Industrienation, hat sie schon vor zwei Jahrzehnten ganze FAZ-Seiten darüber vollgeschrieben, wie vergiftet unser Wasser ist und daß unser Wohlstandsmüll uns alle zu ersticken droht.

Sie hat mit Freunden vor den Kölner Kirchentoren Flugblätter gegen den Krieg in Vietnam verteilt, dann das mittlerweile legendäre "Politische Nachtgebet" mit ins Leben gerufen, sich für Fürsorgezöglinge, Obdachlose und Strafentlassene eingesetzt. Schwierigkeiten mit ihrer Zeitung hatte sie seltsamerweise damals nicht, obwohl die doch, gerade was den Vietnam-Krieg anging, mit Vehemenz auf der anderen Seite focht. Als jemand sie bei ihren Herausgebern anzuschwärzen versuchte und in Frankfurt anfragte, ob man denn eigentlich wisse, daß die Redakteurin Sturm Sonntag morgens vor Kölner Kirchentüren anti-amerikanische Flugblätter verteile, da antwortete das Blatt so souverän wie loyal: Was ihre Redakteurin am Sonntagmorgen vor den Kölner Kirchentüren tue, sei deren Privatsache.