Hans Dietrich Genscher ist in eine Rolle hineingedrängt worden, vor der er stets zurückscheute und die manchen, der seinen Werdegang von weitem verfolgt hat, so erstaunlich erscheint wie die Vorstellung, der Barbier von Sevilla müßte in Gewand und Wesen des Wallenstein sehlüpfen. Ausgerechnet an ihm, dem bisher noch keine Entwicklung begegnet ist, die er nicht in praktischen Kompromißformeln domestiziert hätte, scheiden sich nun die Geister. Er, der den stets schwierigen Kompromiß in der FDP souverän verkörperte (öffentlich gestritten wurde auf den Parteitagen der Liberalen über alles, nur nicht über Genscher), personifiziert nun den Unfrieden. Derselbe - ist er es noch? , der immer wie ein Ball auf den Wellen der Demoskopie schwamm, ist untergegangen wie ein Stein, gesunken noch unter das Niveau der großen Umstrittenen: Strauß, Wehner, Brandt. Eine Wende, was sonst? Ein Abenteurer, ins Halbseidene, Bösartige verfremdet, ein "Adventurist" also, so schildert ihn der ehemalige Regierungssprecher Klaus Bölling in seinem Tagebuch; als einen, der lange vorausplanend, kaltherzig und undurchdringlich das Komplott zürn Kanzlersturz schmiedete, im letzten Augenblick dabei ertappt und zur allgemeinen Verachtung der Gutmeinenden bloßgesteut wurde. Fast ist man versucht zu sagen: Wäre Genscher doch nur so gewesen! Denn dann wäre er mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht erwischt wordeh, und ganz sicher nicht in einer so hilflosen Lage. So paradox es klingt: Hans Dietrich Genscher geriet zum Inbegriff der Treulosigkeit, weil er zur Treulosigkeit, zu jenem in der Politik selten vergebenen, aber oft hingenommenen kalten Verrat, wenn er denn nur erfolgreich genug ist, gar nicht das Herz hatte.

Die Entwicklung seit Mitte 1981, seit Genschers berühmtem "Wende" Brief vom August, ist nicht die Geschichte eines sorgfältig geplanten Verrats, sondern einer ungeplanten, sich hinschleppenden Entscheidungsneurose des FDP Vorsitzenden. Wahr ist wohl, daß sich bei ihm damals die Vermutung verfestigt hatte, es werde bei der nächsten Bundestagswahl keine sozial liberale Mehrheit mehr geben und an der Seite einer in der Wählergunst dahinsiechenden SPD werde auch seine Partei irreparablen Schaden leiden - daß man sich also rechtzeitig abkoppeln müßte. Richtig ist aber auch, daß diese Entscheidung ihn ängstigte: Er konnte sich im Gegensatz zu Lambsdorff durchaus vorstellen, welche Risiken sie barg - auch für ihn selber. Er wäre nichts lieber als treu geblieben, wenn es die Umstände nur irgendwie gestattet hätten. Und er blieb länger in dieser Koalition, als es sich ein kühler Machtpolitiker erlaubt hätte. Das Spiel mit den Optionen begann mit jenen die Koalition halbherzig bestätigenden und dauerhaft zerstörenden Erklärungen nach dem Motto: "An uns wird die Koalition nicht scheitern". Auch der Wende Brief zählt dazu: der Sache nach durchaus geeignet, die gemeinsamen Zukunftsaufgaben der Koalition zu definieren, iri der Form aber - ohne Absprache mit dem Partner, nicht einmal mit dem eigenen Fraktionsvorsitzenden, mit mißverständlichen Begriffen wie "Wende" und "Scheideweg" - ein unfehlbares Mittel, Mißtrauen zu :

wecken.

So begannt das Fragen: "Was will Genscher?" Da war aber kein Plan, kein Entschluß. Die Orakelsprüche des FDP Vorsitzenden waren undeütbarj nicht, weil niemand klug genug gewesen wälos war. So sind auch manche Mißverständnisse erklärbar. Jenes Vorpreschen von Graf Lambsdorff im Herbst 1981 etwa, der voll auf Kollision mit der SPD gegangen ar und plötzlich erlebte, daß er allein stand. So nicht, jetzt nicht, wenn überhaupt: Der Graf, so wird berichtet, begriff damals seinen Parteivorsitzenden nicht mehr. Für Genscher war, anders als für Scheel, ein Koalitionswechsel nicht "die natürlichste Sache der Welt" - zumal die SPD sich nach den Erfahrungen des Herbstes hütete, einen plausiblen Anlaß zu liefern. Sie schleppte sich mühsam - teils aus Einsicht, teils aus Machtinstinkt - immer so weit, daß den Liberalen eine eingängige Begründung für den Bruch schwerfiel. Wegen der Besteuerung der Betriebs Pkws läßt sich Iceine Koalition aufkündigen. Der offenen, bedingungslosen Konfrontation aber ging Genscher aus dem Weg, und nur diese öffentliche Kampfbereitschaft, auch in der Partei durchgekochten, nicht die Nuancengefechte in Interviews, hätten einen zwar immer noch schwierigen, aber honorigen Auszug der FDP durch die Vordertür des Koalitionsgebäudes erlaubt.

Diese Methode, die Entwicklung nur ganz sacht anzustoßen, sie reifen zu lassen, bis die Notwendigkeit die Entscheidung überflüssig, weil selbstverständlich macht, war eine der Hauptursachen für Genschers Debakel. Nur, weil er sich so lange nicht zu entscheiden vermochte, konnte ihm Schmidt die Entscheidung entwinden.

Ende August dieses Jahres wohl hat Genscher mit Kohl eine "Absprache unter Männern" getroffen. Soweit sie sich rekonstruieren läßt, sah sie vor, daß nach den Hessen Wahlen bei den inzwischen fast heillos schwierigen Etat Verhandlungen der Bruch inszeniert werden und Genscher dann auf dem November Parteitag in Berlin das Mandat für den Wechsel einfordern sollte. Wenn dies der Plan war, dann freilich hätte die FDP bis zum September stillhalten müssen, hätte die HessenWahl nicht zum Test für die "neue Mehrheit" erklären, hätte nicht Lambsdorff (natürlich zum Ärger Genschers) sein Sezessionspapier auf den Tisch des Kanzlers knallen und in die Presse bringen dürfen. Das alles nimmt sich nicht wie das Werk eines Meisterstrategen aus.

Wahrscheinlich lassen sich Koalitionswechsel nur in Grenzen planen. Von einem gewissen Augenblick an überstürzen sich die Ereignisse, da hilft dann keine Taktik mehr. Die Positionen müssen stimmen, und sie müssen vorher, öffentlich und im Kampf definiert sein; Partei und Fraktion dürfen nicht im Zustand bedingter Einsatzfähigkeit - sprich: Uninformiertheit - gehalten werden. Hier liegt Genschers Anfangsfehler, und alle übrigen leiten sich daraus ab.