Von Marion Gräfin Dönhoff

Wenn die Zerrissenheit der in sich zerstrittenen, jetzt von vielen verachteten Freien Demokratischen Partei das Ende des verfaßten Freisinns in Deutschland bedeuten sollte, dann wäre der Liberalismus wirklich nicht wert, daß man ihm nachtrauerte.

Gewiß: Was da passiert ist, mehr noch, wie es passiert ist – das war quälend, weil es stillos war, ohne jeden Sinn für Würde und bar jeglicher moralischen Contenance. Aber irgendwann muß das Lamentieren auch einmal ein Ende haben. Andere Parteien hatten ja auch ihre Anfechtungen und Niederlagen und sind darüber hinweggekommen. Die CDU hat schwer getragen an Konrad Adenauers ewigen Ränken gegen Ludwig Erhard, die SPD an Willy Brandts Guillaume-Affäre, und die CSU war arg geplagt durch die "Spiegel"-Fechtereien ihres Chefs Franz Josef Strauß und durch den schnöden Verrat, den er 1976 in Kreuth an der Schwesterpartei verübte.

Daß der Aufruhr in der FDP so intensiv und anhaltend ist, spricht im übrigen mehr für als gegen die Partei: Er beweist, daß die Sünden wider den Geist und die Verletzung politischer Moral den Beteiligten sehr zu schaffen machen. Das Wichtigste aber ist jetzt, daß die Partei erhalten bleibt: daß sie sich nicht spaltet und damit jede politische Bedeutung verliert, sondern daß die linksliberalen Freisinnigen ihre rechten Kollegen beeinflussen, wenn diese Gefahr laufen sollten, sich der Union und ihren Ordnungsbegriffen allzu sehr anzupassen.

Gegen Heilsbotschaften

Die FDP ist in viel stärkerer Weise als alle anderen Parteien ein Zusammenschluß von Individuen, die schwerer zu einer homogenen Partei zu integrieren sind als diejenigen, die aus ideologischer Tradition – gleich welcher Färbung – hervorgegangen sind. Gerade dies ist ja für den Liberalen charakteristisch, daß er an keine Heilsbotschaft glaubt. Für ihn gibt es kein System, das einen befriedigenden Endzustand garantiert; er muß auch die eigene Position immer wieder in Frage stellen, um die Gesellschaft für Veränderungen offenzuhalten.

Darum ist auch das Denken in vorgegebenen Kategorien, das dem Konservativen eigen ist, dem Liberalen fremd, und auch der Wunsch zu bewahren steht für ihn nicht an erster Stelle. Das blinde Akzeptieren des Bestehenden ist seine Sache nicht, weil der Status quo um seiner selbst willen nun einmal nicht erhaltenswert ist. Wie recht die Liberalen damit haben, das macht die Sowjetunion deutlich, die ihre Revolution von 1917 noch immer als die Revolution des Fortschritts schlechthin darstellt und darum jede Kritik an ihrer autoritären Herrschaftsausübung als Konterrevolution diffamiert.