Die Hansestadt Hamburg ist Schauplatz einer Köpenickiade, in der es um mehr als die Stadtkasse einer kleinen Berliner Vorstadt von ehedem geht: Die Hauptdarsteller des Stückes – drei Verantwortliche des Bundesverbandes der Luftfahrtzubehör- und Raketenindustrie e. V. (BLR) – sollen etliche Millionen Mark ergaunert haben. So jedenfalls sieht es die Hamburger Staatsanwaltschaft, die jetzt Anklage erhoben hat.

Thomas Manske, Vorsitzender des Bundesverbandes der Luftfahrtzubehör- und Raketenindustrie (BLR), sieht dies freilich ganz anders als die Hamburger Staatsanwälte. Die Beschuldigungen dienten allein dem Zweck, seinen Verband endlich mundtot zu machen. Dies sei schon seit mehr als einem Jahrzehnt das Ziel der Bonner Konkurrenz zum Hamburger BLR. Der in Bonn ansässige Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie (BDLI) sei von der Großindustrie dazu auserkoren, die im BLR zusammengeschlossenen Firmen des Mittelstandes kaputtzumachen. Manske: "Dafür werden sogar Staatsgelder mißbraucht."

Unterstützt werde die Strategie der Großindustrie gegen die kleinen BLR-Firmen nun von den Anklägern aus Hamburg. Nachdem sie Akten des Bundesverbandes beschlagnahmt hätten und dem Verband auch sonst die Arbeit aufs Äußerste erschwerten, "können nun Aufträge in Milliardenhöhe nicht ausgeführt werden".

Während der Bonner Bundesverband der Deutschen Luft- und Raumfahrtindustrie die Beschuldigungen der Hamburger Konkurrenz ganz gelassen als eine seit vielen Jahren bekannte "Spinnerei" hinnimmt, vermutete die Hamburger Anklagebehörde, daß beim BLR Betrug im Spiel sei. Sie ermittelte gegen den Bundesverband und wurde fündig. Die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft zählt rund 600 betrügerische Einzelfälle auf, die nun vor Gericht verhandelt werden sollen.

Thomas Manske, sein Vorgänger im Amt und noch immer graue Eminenz im Hintergrund, ein Diplomingenieur Carl Wuthenow sowie Verbandsgeschäftsführer Richard Stengler haben sich eine Eigenart der Menschen zunutze gemacht, von der auch der Schuhmachermeister Wilhelm Voigt aus Köpenick bei seinem Coup profitierte: die Ehrfurcht der Menschen vor allem, was amtlich und wichtig tut oder ist. Zwar zog das BLR-Trio keine Uniformen an und setzte auch keine Pickelhauben auf, es trat mit gewichtigem Briefkopf und angeblich bedeutenden Beziehungen auf.

In Rundschreiben an einschlägige Firmen der Branche stellte sich der BLR als Interessenverband vor, der laut Satzung die "gemeinsamen Interessen der Mitglieder gegenüber behördlichen und privaten Stellen wahrnehmen" soll. Überdies annoncierte er, der BLR sei in der Lage, seinen Mitgliedern Aufträge zu verschaffen, speziell auf den Sektoren der Luftfahrt, der Rüstung und der Energie. Geschickt wurde in den Rundschreiben der Eindruck vermittelt, als stünde der Verband in ständigem Kontakt zu amtlichen Stellen in Bonn, insbesondere zum Verteidigungsministerium. Und oft wurde darauf hingewiesen, man verfüge gerade über einen Auftrag, der wohlmöglich recht gut in die Fertigungspalette der angeschriebenen Firma hineinpasse.

Solche Aussichten hatten ihren Reiz, und die regelmäßigen Hinweise auf die enge Zusammenarbeit mit staatlichen Auftraggebern aus dem Nato-Bereich verfehlten denn auch nicht ihre Wirkung. Signalisierten die angeschriebenen Firmen Interesse, wurden sie zur Mitgliedschaft im BLR aufgefordert, wie etwa der Fabrikant August Lepper aus Bad Honnef, der berichtet: "Die Mitgliedschaft war die Eintrittskarte für unser Interesse an einer bestimmten Fertigung." Da sich das Geschäft aber rasch zerschlug, schied Lepper auch bald wieder aus dem BLR aus.