ZEIT: Der Parteivorstand der SPD will Sie als Kanzlerkandidat Ihrer Partei in den Wahlkampf für die Bundestagswahlen im März 1983 schicken. Ist das ein Opfergang? Sind Sie in Ihrer Partei bereits zum Spezialisten für Opfergänge geworden? Vogel: In dem nicht leichten Prozeß, den ich gedanklich zu durchlaufen hatte, bis ich zu meinem Entschluß gekommen bin - dem Ja zu der Aufforderung , hat mich natürlich auch dieser Aspekt beschäftigt. Aber das Ja verändert dieSituation. Das Ja bedeutet, daß man die Herausforderung annimmt und sich ihr mit der Absicht stellt, sie so zu bewältigen, daß am Ende nicht ein Opfer steht, sondern der Erfolg. So war es übrigens schon öfter in meinem Leben.

ZEIT: Wenn Sie die politische Landschaft der Bundesrepublik anschauen, gibt es da nach Ihrer Analyse der Kräfteverhältnisse, der Stimmungsbilder, der Meinungsströmungen irgendwelche Anzeichen, die vielleicht darauf hindeuten, daß Ihre Kandidatur kein Opfergang wird?

Vogel: Es gibt einige Anzeichen, die dies jedenfalls nicht unmöglich erscheinen lassen.

Das erste Anzeichen ist, daß trotz intensiver Bemühungen sowohl in Hessen als auch in Bayern als auch in Freiburg die Zahl derer, die den Wechsel gutheißen wollten, geringer war, als dies allgemein erwartet wurde, und die Zahl derer, die auf die dort mögliche Weise den Wechsel abgelehnt haben, größer war, als man es allgemein erwartet hat.

Der zweite Umstand ist die Tatsache, daß ich in einer Art und Weise auf diese Aufgabe zugehen kann, die ein Stück aus dem herkömmlichen Rahmen herausfällt. Ich stelle eine Alternative, eine andere Option dar, wenn Sie so wollen: ein Stück bürgernähere und Bonn fernere Option, und ich habe den Eindruck, daß dies jedenfalls kein Nachteil ist.

Ein dritter Umstand ist die hohe Motivation meiner Partei durch die jüngsten Ereignisse und Veränderungen.

ZEIT: Das Bündnis von SPD und FDP ist zerbrochen. Für sich allein hat die SPD keine Aussicht auf eine Mehrheit. Glauben Sie denn, daß es überhaupt Möglichkeiten gibt, entweder das alte Bündnis wiederherzustellen oder neufr Bündniskonsteilationen zumindest zu ertasten? , Vogel: Wir alle sind seit dem 17. September in der Einschätzung von ziemlich verfestigten Voraussagen ein bißchen unsicherer geworden; ich jedenfalls bin unsicherer geworden. Deswegen ww> de ich von allen Möglichkeiten, die man so aufreihen kann, wie sich ein Bundestag, der am 6. März gewählt wird, zusammensetzen könnte, keine a limine ausschließen - keine. Ich würde selbstverständlich als Realist in der Wahrscheinlichkeit eine gewisse Prioritätenfolge setzen ZEIT:Wie sähe diese aus?