Annehmbar

„Fünf letzte Tage“ von Percy Adlon ist, neben Michael Verhoevens „Die weiße Rose“, binnen kurzem der zweite Film über die Geschwister Scholl, die am 18. Februar 1943 in München, als sie Flugblätter gegen das Nazi-Regime verteilten, verhaftet und fünf Tage später durch das Fallbeil hingerichtet wurden. Verhoeven zeigt die Außenseite der Geschichte, Adlon die Innenseite. Dort die historisch möglichst farbige und vielseitige Darstellung des Widerstands und seiner Entstehung, hier die Beschränkung auf eine Person und auf die letzten Tage ihres Lebens. Sophie Scholl im Gespräch mit der Zellengenossin Else Gebel: eine deutsche Seele wird sichtbar, anrührend in ihrer Klarheit und moralischen Kraft, aber auch fremd in ihrem naiven Idealismus. Lena Stolze ist (wie bei Verhoeven) Sophie Scholl, und man sieht (besser als bei Verhoeven), was sie kann, ihren Reichtum an Nuancen. Kongenial Inn Hermann (endlich nicht mehr Fassbinders geohrfeigtes Dienstmädchen) als Else Gebel, die klug und menschenfreundlich der von ihr verehrten Sophie Scholl hilft. Aber gerade wegen der imponierenden Konsequenz, mit der Adlon die Dramaturgie dieser Innenwelt entfaltet, wirkt der Film ermüdend. Immer nur Gesichter, immer nur dieselbe Zelle, manchmal ein Verhör (man atmet auf), das ist zu wenig für einen Kinofilm, das ist zu kammerspielhaft und kleinformatig, das ist was fürs Fernsehen. In der Tat: Adlon drehte den Film für den Bayerischen Rundfunk. Im Kino ist er nicht zu Hause. Ulrich Greiner

Gefühlvoll

„Die Spaziergängerin von Sans-Souci“ von Jacques Rouffio. Wenn Romy Schneider wie gehetzt und mit suchenden, unruhigen Augen durch die Halle des Pariser Flughafens läuft, wenn sie den Mann (Michel Piccoli), der sie dort erwartet, umarmt und wenn sie lächelt, denkt man unwillkürlich an andere Romy-Schneider-Filme, zum Beispiel von Claude Sautet. Und man erwartet: eine einfache Geschichte, die von den Dingen des Lebens erzählt. Jacques Rouffio, Regisseur dieses letzten Romy-Schneider-Films (es war ihr sechzigster), erzählt von diesen Dingen: von Liebe und Hingabe, von Traurigkeit und Sehnsucht. Er erzählt eine Geschichte, die in den dreißiger Jahren angesiedelt ist und von einer anderen, die in unserer Zeit spielt, eingerahmt wird. Als Elsa Wiener, die 1933 von Berlin nach Paris emigriert und dort die Ankunft ihres Mannes sehnsuchtsvoll erwartet, ist Romy Schneider eine tieftraurige Frau, die im Pariser Kabarettmilieu – sie tritt als Sängerin mit Heinrich-Heine-Texten auf – unnahbar und fremd wirkt. Als Lena Baumstein ist sie die Verständnis- und liebevolle Gattin eines Geschäftsmannes, der zugleich für eine Hilfsorganisation arbeitet, die sich um politische Gefangene kümmert. Seine Arbeit konfrontiert ihn mit einer ehemaligen Nazi-Größe. Diese Begegnung setzt die Haupthandlung des Films in Gang, die Rouffio, wenn nicht tränenselig, so doch mit viel Gefühl inszeniert hat. Die Geschichte, die auch eine Geschichte der Selbstjustiz ist, mag man vergessen, an das schöne Gesicht der Romy Schneider Wird man sich noch lange erinnern. Anne Frederiksen

Mittelmäßig

„Das Ding aus einer anderen Welt“ von John Carpenter. In „Halloween“ ließ der Hawks-Verehrer Carpenter (dessen bester Film „Assault On Precinct 13/Das Ende“ eine urbane Thriller-Version von Hawks’ Western „Rio Bravo“ ist) einen Ausschnitt aus dem 1951 von Howard Hawks produzierten und von dessen langjährigem Cutter Christian Nyby inszenierten Sciencefiction-Film „The Thing“ auf einem Fernsehschirm flimmern. Nun hat er sich an einem 15 Millionen Dollar teuren Remake versucht: ein Monster aus dem All, das Jahrtausende im Eis konserviert lag, bedroht die Mitglieder einer amerikanischen Forschungsstation in der Antarktis. In der Hawks-Version war nicht der Kampf der Menschen gegen einen destruktiven, scheinbar unvermeidbaren Eindringling das zentrale Thema, sondern der Konflikt der Konzeptionen zweier gegensätzlicher Gruppen (Soldaten/Wissenschaftler), den das Monster als Katalysator zum Ausbruch brachte. Die Carpenter-Version ist dem Original näher, dem 1938 erschienem Kurzroman „Who Goes There?“ von John W. Campbell. Hier hat das „Ding“ (ein amorphes Fleischklumpen-Kompositum aus deformierten Gliedern, schleimigen Öffnungen, offenliegenden Muskeln und Nerven und obszönen Tentakeln) die Fähigkeit zur Metamorphose, kann jede tierische oder menschliche Gestalt annehmen. Doch was ein Horror-SF-Film von nervenzerrendem Thrill um eskalierende Panik und Paranoia (wer ist noch Mensch oder schon Monster?) hätte sein können, wurde nur ein reichlich lahmer mechanistischer Schocker. Denn Carpenter degradiert seine Darsteller (Kurt Russell als der Mann am Flammenwerfer) zu Stichwortgebern für Tricktechniker in einem Experiment in Terror. Die brillieren besonders bei den Transformationen des Monsters: wenn die Eingeweide explodieren. Aber sie demonstrieren auch, daß die neue Ästhetik des Schocks der Nach-„Alien“-Ära zwar drastischer denn je ist, doch daß derart potenzierte Ekeleffekte in einem emotionalen Vakuum einen eher grotesken als grausigen Eindruck hervorrufen.

Helmut W. Banz