Die Lage der deutschen Stahlindustrie spitzt sich krisenhaft zu. An der Saar ist ein Konkurs nur noch durch weitere Zuschüsse der öffentlichen Hand abzuwenden. Wird auch die Stahlindustrie an der Ruhr Forderungen an die Bundeskasse stellen?

Es sieht nach einem Faß ohne Boden aus. Seit sich der luxemburgische Stahlkonzern Arbed im Jahr 1978 die Saarhütten Neunkircher Eisenwerk AG und die Stahlwerke Röchling-Burbach GmbH einverleibt und zur Arbed Saarstahl GmbH zusammengefaßt hat, sind Subventionen und Bürgschaften in Höhe von 2,2 Milliarden Mark an die Saar geflossen. Und jetzt zeigt sich, daß dies nicht einmal reicht – der Konzern verlangt noch mehr.

Dabei enthält die Arbed der öffentlichen Hand die versprochene Gegenleistung vor, weil sich die ursprünglich angepeilte Beschäftigtenzahl nun doch nicht halten läßt. Weitere fünftausend Arbeitsplätze sollen verschwinden, für das Saarland ein schwerer Schlag. Ein Schlag aber auch für die Bundesregierung, die an der Saar ihre Unschuld bei den Stahlsubventionen verloren hat.

Fein raus sind nur die ehemaligen Eigentümer. Die Familie Röchling, der DIHT-Vorsitzende Otto Wolff von Amerongen und das Hamburger Mineralölunternehmen Mobanaft haben ihre Beteiligungen gegen Arbed-Aktien getauscht. Das sind zwar auch keine „blue chips“, immerhin bewahrt sie aber der Rückzug von der Saar davor, mit ihrem Geld für Verluste einstehen zu müssen. Und die Arbed hat sich gehütet, eigenes Geld in die Saarstahl GmbH zu stecken. Wenn sie schon Arbeitsplätze zu erhalten trachtet, so ihre Argumentation, dann bitteschön auch mit dem Geld dessen, der an der Erhaltung dieser Arbeitsplätze das größte Interesse hat.

Eindeutig auf der Verliererstraße stehen diejenigen, die ihre Arbeitsplätze schon verloren haben oder noch verlieren werden. Zu ihnen gesellt sich die öffentliche Hand, die nach Meinung von Bundeswirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorff damit rechnen muß, aus den Bürgschaften in Höhe von etwa einer Milliarde Mark in Anspruch genommen zu werden. Deutlicher gesagt: Das Geld ist auf Nimmerwiedersehen weg.

Aber das, was sich da an der Saar abspielt, ist keineswegs eine Gaunerkomödie mit Arbeitnehmern und Steuerzahlern als Betrogene, sondern ein Trauerspiel, dessen Schauplatz nicht auf das Saarland beschränkt ist. Die gesamte deutsche Stahlindustrie ist mit ihrem Latein am Ende. Nach einem Zwischenhoch in der ersten Jahreshälfte kommt es nun knüppeldick – das vierte Quartal dieses Jahres wird die bisher schwärzeste Periode der seit 1975 gebeutelten Branche sein.

Es stimmt einfach nichts mehr. Absatz und Produktion sinken ins Bodenlose, das von der EG-Kommission errichtete Preisgefüge gerät ins Wanken. Das einzige, was noch steigt, ist die Zahl der Kurzarbeiter. Fast fünfzig Prozent der Beschäftigten waren im vergangenen Monat von Kurzarbeit betroffen, im November und Dezember werden es erheblich mehr sein. Klöckner-Chef Herbert Gienow bringt das auf die einfache Formel: „Wir haben im Quartal nur noch für zwei Monate Arbeit.“