Über die Essenz der Erziehung

Von Andreas Flitner

Der Sprachwissenschaftler Mario Wandruszka formuliert es so: "Unsere Sprachen sind Gebilde aus Notwendigkeit und Zufall." Notwendig ist es für eine Sprache, die elementaren Sachverhalte und Denk- und Unterscheidungsweisen einer Kultur auf Worte und Begriffe zu bringen. Dem Zufall historischer und literarischer Ausformung unterliegt es, in welcher Gestalt und mit welchem Hof von Bedeutungen und Nebentönen das jeweilige Wort heute anzutreffen ist.

Ich rechne das Wort "Erziehung" zu den elementaren Begriffen, die einen grundlegenden anthropologischen Sachverhalt bezeichnen. Da es aber nicht nur historisch starken Wandlungen ausgesetzt war, sondern bis heute mit sehr verschiedenen Tönung und für sehr verschiedene Auffassungen der Sache gebraucht wird, bleibt der Versuch, den rechten Sinn von "Erziehung" festzustellen und gegen andere Vorstellungen und Wortverwendungen abzugrenzen, problematisch. Man kann der Meinung sein, daß dieses Wort, mit seiner umgangssprachlichen Vermischung verschiedener Elemente, unentbehrlich-hilfreicher und fatalunterdrückender Beziehungen und Handlungen, besser zu vermeiden sei. Aber die Sache, das Verhältnis zwischen Erwachsenen und Kindern in seiner Besonderheit, wird mit diesem oder ohne dieses Wort Gegenstand des Nachdenkens bleiben.

In der deutschen Sprache ist das Wort schon etymologisch für eine heutige Erörterung belastet, da mit "Ziehen", "Zucht" und den damit assoziierten Tätigkeiten ein Machen und Verfügen ausgedrückt ist, das auch Gärtnern und Viehhaltern ansteht und das einer Vergegenwärtigung des humanen Sinns und der Grenzen der Erziehung nicht gerade entgegenkommt. Das Englische und die romanischen Sprachen sind da besser dran: Education, education, educación wählen das Bild des Herausführens aus der Abhängigkeit und Unmündigkeit. Sie setzen also schon im Sprachlichen einen anderen Zusammenhang, ein anderes Ziel. Der Gedanke des Herausführens hatte in der Epoche der Aufklärung große Mühen, um die Traditionen des Ziehens und Einfügens zu überwinden; dazu kamen die neuen Zwänge, die ihn dann von der rationalen Und welchen künftigen Belastungen ging er damit erst entgegen!

Die Aufklärungsepoche hat ja nicht nur darum eine so eminente Bedeutung für uns, weil dort zuerst die Themen und Probleme der neuzeitlichen Individualität und der modernen Gesellschaft aufgeworfen wurden; Sondern sie steht auch als ein Modell für den weiteren großen Einbruch von Rationalität in alle Lebensverhältnisse, der sich gegenwärtig vor unseren Augen vollzieht. Man hat ihn gelegentlich die "Zweite Aufklärung" genannt. Technik und Kalkül, Planung und Kontrolle drängen mehr denn je nicht nur in unsere Arbeitsverhältnisse, sondern in unsere Handlungen und Beziehungen ein. Auch das Persönlichste, Intimste wird zum Gegenstand der Forschung, soll technologischer Steuerung und rationaler Manipulation unterworfen werden.