Von Teddy Preuss

Mitte September fand in Tel Aviv eine ungewöhnliche Ausstellung statt. Eine Gruppe mit 2,5 Milliarden Mark Umsatz und Ausfuhren im Wert von über einer halben Milliarde Mark stellte ihre Produkte vor – nicht hinter Vitrinen oder an aufwendigen Messeständen, und nicht mit Hostessen und geschniegelten Kundenberatern. Die Leute vom Verkauf trugen kurze Hosen, Sandalen und offene Hemdkragen. Während ein Verkäufer automatische Bewässerungsanlagen, elektronische Rechner, Kleider und Lasergeräte, Sämaschinen, Klaviere, Schinken und Gitarren vorstellte, bot er den Kunden Obstsaft aus einer Flasche an, die er selbst gelegentlich an den Mund setzte. Was er vorzuführen hatte, war nur eine kleine Auswahl aus der Produktion von 360 Fabriken in den Kibbuzim.

Als 1910 Degania, der erste Kibbuz, am Südufer des Sees Genezareth gegründet wurde, träumte noch kein Mensch davon, daß die Bewegung siebzig Jahre später fast dreihundert solcher Kollektivdörfer mit insgesamt 120 000 Einwohnern – das sind etwa vier Prozent der jüdischen Bevölkerung – umfassen würde. Der Kibbuz, sagte Wladimir Dedijer, der jugoslawische Historiker, ist der einzige Ort, an dem der wahre Kommunismus existiert, der Gleichheit und Freiheit gleichzeitig bietet. Im Kibbuz wurde mehr als an jedem anderen Ort das marxistische Ideal verwirklicht, wonach „jedem nach seinen Bedürfnissen“ statt entsprechend seinem Beitrag ein Anteil an der gemeinsamen Produktion zugeteilt wird.

Die Gründungsväter von Degania kamen vor allem aus Rußland, das sie nach dem Scheitern der Revolution von 1905 – vom zaristischen Regime als das „Werk einer jüdischen Bande“ bezeichnet – verlassen hatten. Und die Gründer von Degania hingen denn auch marxistischen Ideen ebenso an wie den Gedanken von Tolstoi über die Rückkehr zur Natur und den Vorstellungen von einer „Umkehrung der Pyramide“, wie sie Dov Beer Borochow, der Vater des sozialistischen Zionismus, gefordert hat. In jedem Volk bilden traditionell jene, die mit den Händen arbeiten, die Basis. Im Mittelteil finden sich diejenigen, die im Dienstleistungssektor tätig sind; die Intellektuellen stehen an der Spitze der Pyramide. Bei den Juden in der Diaspora sah es genau umgekehrt aus. So mußten die Juden im Gegensatz zu den Entwicklungsländern des 20. Jahrhunderts, die aus den Reihen von Bauern und Nomaden eine Schicht von Intellektuellen hervorbringen möchten, den umgekehrten Weg einschlagen: indem sie aus Intellektuellen Bauern und Arbeiter machten.

Das kollektive Leben in Degania und den übrigen Kibbuzim war nicht nur eine Sache der Ideologie, es war auch eine Antwort auf die schweren Lebensbedingungen, die im Heiligen Land herrschten: Armut, das Fehlen von Wasser, Straßen und öffentlichen Diensten, sowie die feindlichen Beduinen zwangen die Siedler, das Wenige untereinander aufzuteilen und gemeinsam etwas aus dem Nichts zu schaffen.

Das Leben in den Kollektivdörfern war dementsprechend hart. Aber das Gefühl, eine Aufgabe zu haben und eine Vision zu verwirklichen, indem eine neue Gemeinschaft aufgebaut und die Einöde zum Blühen gebracht würde, hielt die Siedler aufrecht. Selbstverständlich war an einen Kampf gegen das Kapital gemäß der marxistischen Lehre nicht zu denken, denn wo gab es im damaligen Israel überhaupt das Kapital, das zu bekämpfen gewesen wäre? Die Bewohner der Kibbuzim mußten Kapital wie Produktionsmittel selbst erst einmal schaffen.

Nach der Trockenlegung der Sümpfe, aus denen das in der Bibel verheißene Land von Milch und Honig damals vor allem bestand, war der Aufbau der Landwirtschaft das erste Ziel. Das geschah nicht nur aus dem Wunsch nach einer Rückkehr zur Natur, sondern dazu zwang auch die nackte Not. Überschüsse wurden in den städtischen Siedlungen – Tel Aviv entstand fast zur gleichen Zeit wie Degania – verkauft, deren Entwicklung gerade einsetzte.