Saarbrücken: "Gerhard Hoehme"

Einundzwanzig Bilder (das früheste von 1968, die meisten aus den letzten fünf Jahren) – ausnehmend schön und gewaltfrei. Lässig, ohne anmaßend zu wirken, okkupieren sie die Wände, Sie haben eine deutliche Neigung zur Monochromie. Doch nie ist Farbe auf eine statische Erscheinungsform festgelegt: Hoehme weiß eine Menge über ihre unvorhergesehenen Wandlungen während des Malprozesses zu erzählen. In vielstimmigem Braun oder lachendem Gelb – immer zeigt sich die Malerei gelöst. Weißdecken überziehen reichere Farbfelder nur eben so, daß sich die Spuren der bildlichen Vorzeit noch in die einförmig weiße Gegenwart einzeichnen. – Aber mit der wohlgefälligen Betrachtung dieser Dinge ist es nicht getan. Und der Besucher einer Ausstellung ist nicht mit einem freundlichen "Dankeschön" an die Adresse des Malers entlassen. Denn neben dem existiert da noch der sehr bewußte Zeitgenosse Hoehme. Die zwei Antennen, die er – der Farbströmung entgegen – der Tafel "Oberhalb der Unruhe" einpflanzt, sind das mindeste, was ihm einfällt, um den lieben Frieden des Kunstgenusses zu stören. Hoehme bestreitet dem Bild die Geschlossenheit, er attackiert seine ästhetische Einheit. Als offenes Beziehungsfeld ist es eine radikale Konsequenz des malerischen Informalismus. Mit tastenden Schnüren – plastischen Graphismen – wagt sich die Malerei in den Raum vor; Zitate der äußeren Wirklichkeit sind ihr in Schrift, Bild und Objekt assoziiert. Die Vielfalt dessen, was ihn bewegt, auf einen einfachen Nenner zu bringen, die Widersprüche, die ihn bedrängen, zu versöhnen, weigert sich Hoehme. Besonders kraß wirken die Brüche in der aus diesem Grund oft besprochenen Arbeit "Geschichte verträgt keine Sonne" (1978). Da sind die Militärkarten mit den eingezeichneten Bombenzielen, ist die strahlende Malfläche, die sich aus diesem Motiv herleitet, und da sind die Marginalien, die das absolute Farbgeschehen wieder in die Zeit zurückholen, es dem Tagesgeschehen konfrontieren. Immer kehrt sich bei Hoehme etwas um, wird aufgebrochen; wächst über sich hinaus. Niemals wird etwas "ausgemalt" oder stellvertretend "zu Ende gedacht". Das "ungereimt" belassene Bild ruft den Betrachter als "Mitarbeiter" auf. – Es gibt viele markante Sätze von Gerhard Hoehme. Einer davon lautet: "Bilder sind nicht auf der Leinwand, sondern im Menschen." (Moderne Galerie des Saarland-Museums bis 28. November, Katalog 25 Mark)

Volker Bauermeister