Norbert Wiener:

Die meisten Leute haben von meinem Buch nur den Titel gelesen“, pflegte Norbert Wiener zu sagen, „aber es gibt immerhin nicht allzu viele Autoren, die wenigstens dies über ihr Werk behaupten können.“

Das Buch, auf das der kleine, rundliche Professor mit dem Spitzbart sein Bonmot gemünzt hatte, war 1948 bei Wiley in New York erschienen. Der Titel, „Cybernetics“, fand rasch weltweite Verbreitung. Websters International Dictionary nahm es 1950 sogleich in seine erste Nachkriegsausgabe auf. Und ehe noch der Duden die deutsche Übersetzung „Kybernetik“ registrierte, war es hierzulande schon in aller Munde.

Abgeleitet hatte Wiener den von ihm geprägten Terminus vom griechischen Wort für Steuermann: „Kybernetes“. Der Steuermann ist Akteur in einer Szene, die in unzähligen Variationen von uns, von der Natur, sogar von Maschinen gespielt wird. Das Schiff kann seinem Ziel nicht geradlinig entgegenfahren, weil es dem Kräftespiel des Meeres und des Wetters ausgeliefert ist. Darum muß der Steuermann laufend die Abweichung des tatsächlichen vom angestrebten Kurs ermitteln und die Richtung des Schiffes entsprechend korrigieren. Das Resultat ist ein Zickzack-Kurs, nach dem geraden Weg das Nächstbeste.

Einen Zickzack-Kurs verfolgt unsere Hand, wenn sie einen Gegenstand ergreifen soll; ähnlich funktioniert ein Thermostat, der die Heizung an- und abstellt, je nachdem ob die Raumtemperatur unter oder über der erwünschten liegt – Konstanz wird auch hier durch Schwankungen um den Sollwert ersetzt. Schwankend nur halten wir uns, halten sich das Wirtschaftssystem und das atomare Pitt im Gleichgewicht. Pendeln um das optimal Erreichbare – so taktieren der Boxer, der Hormonhaushalt im Körper, der Erzieher und der Dir plomat. So stabilisieren sich das Wetter, die Benzinzufuhr im Automotor und die Gesellschaft.

Norbert Wiener hat die fundamentale Bedeutung der im Wesen immer gleichen Szene erkannt und ihr den Namen gegeben, mit dem ihre technische Spielart bezeichnet wird: Regelkreis. Kybernetik kann darum als Anschauung der Welt unter dem Gesichtspunkt des Regelkreises betrachtet werden. Entsprechend ist „Cybernetics“, das Buch, eine Sammlung von Essays über regelkreisgesteuerte Vorgänge in dieser Welt und von Meditationen über die Bestandteile des Regelkreises: die Zeit und die Information.

Die zentrale Funktion der Information bei den Regelvorgängen veranlaßte Wiener zu der Forderung, eine Theorie zu entwickeln, die ein Maß für den Informationsgehalt einer Nachricht liefert und den Prozeß des Mitteilens mathematisch beschreibbar macht. Wiener-Schüler Claude Shannon hatte in seiner Doktorarbeit den Ansatz für eine solche Theorie gefunden. Hoffnungsvoll