Ein Bildband von Michael Ruetz und Pavlos Tzermias

Pavlos Tzermias gehört zu den wenigen, die sich kontinuierlich um einen Austausch griechischer und deutschsprachiger Kultur kümmern. Tzermias hat zwei Wohnsitze: Athen und Zürich. Er ist Mitarbeiter des griechischen Fernsehens und der Presse, Leiter eines Zentrums für politische und soziale Studien in Athen, Herausgeber von Eleftheri Theorissi, einer Zweimonatszeitschrift für Politik, Wissenschaft und Kultur, und Übersetzer aus dem Deutschen, Dozent für neugriechische Sprache und Literatur an der Universität Fribourg, Mitarbeiter der Neuen Zürcher Zeitung, Übersetzer aus dem Griechischen, Essayist, Verfasser einer neugriechischen Grammatik in deutscher Sprache. Zusammen mit dem Photographen Michael Ruetz, dessen Bilder zum Besten zählen, was es auf dem Gebiet künstlerischer Dokumentarphotographie – er selbst nennt es „erzählende Photographie“ – gibt, hat er ein Griechenlandbuch vorgelegt, das an Intensität literarischbildlicher Aussage- und Informationskraft seinesgleichen sucht: „Land der Griechen“, ein Bildband von Michael Ruetz mit Texten von Pavlos Tzermias; Artemis Verlag, Zürich/München, 1981, 204 Seiten, 125 Photos, 109,– DM. „Das Land der Griechen mit der Seele suchen“ und es wirklich finden wollen, wird heute wohl niemand mehr ernstlich unternehmen; es brächte auch – wie für Ruetz – „nur Enttäuschung“, eine Enttäuschung allerdings, die dem Photographen immer wieder „Demotivation“ und „neue Motivation“ wurde: „Das verkaufte und veräußerte Griechenland von heute kann ohnehin keine ideale Vorstellung mehr nähren“. Oder wie es der griechische Gesellschaftskritiker Nikos Dimos in seiner beißend satirischen Polemik „Über das Unglück Grieche zu sein“ ausdrückt: Schließe Griechenland in dein Herz und du kriegst einen Infarkt.“ Wer heute mit dem Flugzeug in Athen ankommt, erlebt das berühmte griechische Licht nur noch als Dunstglocke über ganz Attika; wer sich den Abenteuer einer Taxifahrt nach Piräus oder Athen aussetzt -’mit einem jener „typischen“ Athener Taxifahrer, die in den allermeisten Fällen landflüchtige Dörfler aus den Provinzen sind und den generell dörflichen bis bauernschlauen Charakter der Dreimillionenstadt Athen veranschaulichen – vorbei an einer betonierten, durch Fabriken, Kloaken und zügellose Touristikunternehmen zerstörten (Küsten-)Landschaft, der weiß, daß er „Hellas“ nun getrost durch „Griechenland“ ersetzen darf. Dieses Griechenland ist ein Photoklischee geworden, das sich selbst das Blaue vom Himmel lügt, nachdem andere es unentwegt und unbeirrt heraufgelogen haben. „Einmal geprägt“, beschreibt Ruetz seine Arbeit in diesem Land, „wird es zu vermeiden eine Aufgabe, die nicht minder schwierig zu lösen ist, als eben dieses Klischee zu erfinden.“ „Typisches“ fehlt denn auch bei diesem Band in Bild und Text, dafür zeigen oder erklären und beschreiben Ruetz und Tzermias „Charakteristisches“. In vier großen Essays von Pavlos Tzermias („Antike“ – „Meer“ – „Land“ – „Gegenwart“) und in über einhundertfünfundzwanzig Photos von Michael Ruetz wird einem der Unterschied deutlich: „,Typisch‘ war einst der Tanz der Männer in der Dorfkneipe, ‚charakteristisch‘ für heute ist, daß er den Touristen in ihren Hotels vorgeführt wird“ (Ruetz). Typisch war und ist die karge Schönheit einer Kykladenlandschaft, charakteristisch ist die Tatsache, daß Griechenland heute mehr Gastarbeiter und Flüchtlinge im Ausland als Einwohner im Land hat.

Armin Kerker

Buch des Monats

Zum Buch des Monats November 1982 hat die Darmstädter Jury gewählt: Gustavo Adolfo Bécquer „Die grünen Augen“, Phantasiestücke, aus dem Spanischen von Fritz Vogelgsang; Klett-Cotta, Stuttgart; 219 S., 26,– DM