Ein politischer Generalist im besten Sinne

Von Kurt Becker

Im Sommer 1980, vor der Bundestagswahl, hat Helmut Schmidt mehrmals laut vor sich hingedacht, wie er sich längerfristig die Nachfolge der sozialdemokratischen Troika Brandt-Schmidt-Wehner vorstelle. Hans-Jochen Vogel gehörte zu den Auserkorenen, aber auch Hans Apel und Hans Matthöfer. Vogel freilich schien Schmidt in nahezu allen erdenklichen Situationen für jede der drei Führungsaufgaben – Kanzler, Parteivorsitzender, Führer der Bundestagsfraktion – geeignet zu sein.

Daran hat sich nichts mehr geändert, obwohl seitdem das Gruppenbild der Favoriten mehrfach retuschiert und neu montiert wurde, auch durch die Hervorhebung von Johannes Rau.

Die beiden sozialdemokratischen Kanzler haben Vogels großes Talent frühzeitig erkannt. Brandt holte den erfolgreichen Münchener Oberbürgermeister 1972 in sein Kabinett als Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städteplanung, wo er als engagierter Reformer sogar bei linken Sozialdemokraten Erstaunen hervorrief. Schmidt gab ihm 1974 das Amt des Bundesministers der Justiz, das er alsbald mit Glanz umgab.

In diesen acht Bonner Ministerjahren wuchs das heute noch geltende Urteil über Hans-Jochen Vogel: fundierte Urteilskraft und bestechende Formulierungsfähigkeit, intellektuelle Brillanz, aber auch strenge Selbstzucht. Unter den sozialdemokratischen Ministern entwickelte er sich zum gewichtigsten Sachwalter und Debattierer in der Kabinettsrunde, wo nicht jeder Minister die Breite des Themenspektrums so gut beherrscht – oder über die persönliche Autorität verfügt –, daß er es auch wagen könnte, über die Zäune der Ressortkompetenz hinweg zu grasen. Bei Vogel wurde das als Selbstverständlichkeit hingenommen. Auf den Feldern der Innen- und Rechtspolitik wurde ihm der Rang eines Ersten unter Gleichen zuteil. Bei anderen Problemen, wie beispielsweise denen der Außenpolitik, wo er Expertentum weder von Amts wegen noch sonst für sich in Anspruch zu nehmen vermochte, versah er seine Anmerkungen meistens behutsam mit einem Fragezeichen, auch und gerade dann, wenn er in Wahrheit ein Ausrufezeichen setzen wollte.

Verständnis für Autorität