Viermal hatte Marilyn Monroe im stern ein Muttermal auf der rechten, einmal jedoch auf der linken Wange. "Wenn Sie uns schon die Bilder einer Göttin zeigen, dann will ich wenigstens wissen, auf welcher Seite der Fleck wirklich saß", ließ Hans Wittek, Oberstudienrat im schwäbischen Leutkirch, die Leserbriefredaktion des stern wissen. Bei der Frauenzeitschrift Brigitte beklagte er sich über die "kalt und bronziert" wirkenden Gesichter der Photomodelle. Eine "porengenaue" Darstellung würde er vorziehen. Bei ZEIT-Herausgeber Theo Sommer moniert er schon mal eine "mißglückte Metapher" im Leitartikel.

Seit zwei Jahren bedient der Lehrer für Deutsch und Englisch regelmäßig zwölf Printmedien mit Leserbriefen zu kulturellen und politischen Themen. Auf den Geschmack gekommen ist er nach einem Schreiben an die Schwäbische Zeitung zum Thema "Motorsägen im Wald". Sein Brief wurde damals nicht nur in vollem Wortlaut abgedruckt, der Chefredakteur würdigte den Kommentar seines Lesers auch noch in einer persönlichen Antwort. "Da hab’ ich mir gedacht, das kann interessant werden, vielleicht entwickelt sich daraus ein privater Briefwechsel", erinnert sich Hans Wittek an die Anfänge der Freizeitbeschäftigung, die er heute "meine Sucht" nennt.

"Das war kindisch"

Es folgten Briefe an die Stuttgarter Zeitung, die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die Süddeutsche Zeitung. Doch die erste Enttäuschung ließ nicht lange auf sich warten: kein Abdruck und an Stelle eines persönlichen Wortes des Chefredakteurs nur ein Formblatt der Leserbriefredaktion – "Wir danken für Ihr Interesse, müssen aber mit Bedauern mitteilen..." Wütend kündigte der treue Leser sein Abonnement. "Das war kindisch in höchstem Grade", weiß er heute. Inzwischen hat er nämlich herausgefunden, "daß es naiv ist, anzunehmen, jeder Leserbrief, der geschrieben wird, könne auch abgedruckt werden". (Bei der ZEIT werden von durchschnittlich 300 eingegangenen Briefen jede Woche etwa 25 veröffentlicht.) "Eine heilsame Erfahrung", findet Hans Wittek.

Um seine Abdruckchancen zu erhöhen, wandte er sich auch an wöchentlich erscheinende Publikationen. Seither erhalten Spiegel und stern jede Woche einen Brief von ihm. Jeder zehnte im Durchschnitt wird abgedruckt, beim Spiegel ein paar mehr, beim stern ein paar weniger. Vorgedruckte Absagen erhält er aus diesen Redaktionen schon lange nicht mehr: "Die wissen, daß ichdauernd schreibe und schon alle Varianten der Ablehnung kenne. Das wäre verschwendetes Porto." An die ZEIT schreibt er oft sogar zu einer Nummer zweimal. "Das Schöne an diesem Blatt ist, daß man auch mal längere Texte unterbekommt." Ganz im Gegensatz zum Adressaten Gong. Bei der Fernsehzeitschrift glaubt Wittek nur Veröffentlichungschancen zu haben, wenn der Brief nicht länger als zwei bis drei Zeilen ist. "Das wird durch den Reiz ausgeglichen, sich vorzustellen, daß der eigene Text eine millionmal gedruckt worden ist." Auch an die Fernsehzeitschrift Hörzu aus dem Springer-Verlag (Auflage über vier Millionen) hat er schon mehrmals geschrieben: "Aber denen paßt meine Richtung nicht." Wittek ordnet sich politisch links ein und erklärt sich damit auch, warum das Monatsblatt konkret schon acht von zwölf Wittek-Briefen abgedruckt hat. In jüngster Zeit entdeckte er auch noch Brigitte ("durch meine Frau") und Playboy ("die zeigen ja nicht nur entkleidete Frauen") als Forum.

36 Stunden in der Woche widmet Hans Wittek seinem Hobby Zeitungslesen und Leserbriefschreiben. Zwanzig Mark gibt er jeden Monat für das Porto aus. Mit Ausnahme des Wirtschaftsteils liest er alle Zeitungen, an die er schreibt, von der ersten bis zur letzten Seite. Was ihn reizt, schneidet er aus und klebt es in einen Ordner. Wenn er mehrere Blätter zum selben Thema anschreibt, verfaßt er voneinander abweichende Texte. "An konkret schreib’ ich von vornherein viel schärfer als an die Süddeutsche Zeitung ." Manchmal kann er sich die Mühe sparen und auf ein älteres Werk aus seinem Ordner "nicht abgedruckt" zurückgreifen. Nicht veröffentlichte Briefe bringt er regelmäßig in der Leutkircher Schülerzeitung radieschen unter.

Manchmal sinkt die Stimmung