Von Horst Bieber

Forbes Burnham gerät selten und nicht unbedingt gern in die Schlagzeilen der internationalen Presse. "Doch diesmal", so sagte er bei seiner Rückkehr aus Brasilia, "bin ich sehr dankbar dafür." Sechs Tage hatte sich der Präsident der Kooperativen Republik Guyana im Nachbarland Brasilien aufgehalten und sechs Abkommen unterzeichnet, darunter eines über Ölbohrungen in Guyana und einen "Freundschafts- und Kooperationsvertrag".

Daß sich der sozialistische Zwerg und der konservative Riese nach Jahren unterkühlter Beziehungen Arm in Arm zeigten, liegt an Venezuela: Die Regierung dort beansprucht fast zwei Drittel des guyanischen Territoriums bis zum Esseqúibo-Fluß. Der Anspruch datiert noch aus kolonialer Zeit; er wurde von den englischen Kolonialherren Guyanas nie anerkannt und liegt nun, nachdem ein Stillhalte-Abkommen ausgelaufen ist, als drohender Schatten über der Existenz des souveränen Staates Guyana.

"Brasilien und Guyana bekunden ihre Besorgnis über die Verschärfung der internationalen Spannungen, die eine ernsthafte Bedrohung für Frieden und Sicherheit in der Welt darstellen", heißt es im gemeinsamen Kommunique. Der wahre Adressat dieses Allgemeinplatzes, der venezolanische Präsident Herrera Campins, beteuerte denn auch sofort: "Die Regierung verficht energisch einen Anspruch, der, wie wir wissen, schwierig ist. Doch wir bringen diese Dinge dort vor, wo sie zur Sprache gebracht werden müssen. Wir streben eine ehrenhafte und würdige Lösung an." Im Klartext: Venezuela gibt seinen Anspruch nicht auf, scheut aber vor einer militärischen Durchsetzung zurück.

Auch nach Westen möchte Venezuela seine Grenze mit Kolumbien verändern; wie im Esseqüibo geht es um Öl. Kolumbien soll nach dem Willen Nicaraguas mehrere kleine Inseln und Riffe in der Karibik an Managua abtreten. Managua wärmt unterdes einen alten Grenzstreit mit Honduras auf, das auf gespanntem Fuß mit El Salvador lebt, obwohl man gemeinsam gegen die revolutionäre Infektion aus Nicaragua vorgeht... Ecuador und Peru haben noch im vergangenen Jahr aufeinander geschossen; Argentinien und Chile streiten seit Jahren um die Grenzziehung im tiefen Süden, und in Bolivien klagte Präsident Siles Zuazo: "Unser Vaterland ist ungerechterweise und auf demütigende Art in der Situation eines Binnenstaates ... Solange dieses Problem ungelöst bleibt, wird es weiterhin eine krasse Ungerechtigkeit im Herzen Lateinamerikas darstellen." Geschaffen wurde diese Ungerechtigkeit vor 100 Jahren, als Chile Teile von Peru und Bolivien ockupierte; seitdem ist Bolivien ein Binnenstaat und ernennt regelmäßig einen Oberkommandierenden der Kriegsmarine.

Kein Staat in Lateinamerika, der nicht in seinen Archiven Ansprüche gegen seine Nachbarn dokumentiert hat. Zwar bleiben sie meist rhetorische Versatzstücke patriotischer Ergüsse, schließlich stammen viele schon aus der Zeit der Befreiungskriege gegen Spanien zu Anfang des vorigen Jahrhunderts. Aber daß sie zur Zeit wieder auffällig oft vorgetragen werden, signalisiert eine tiefe kontinentale Krise. Demokraten und Offiziere stehen gemeinsam vor der Notwendigkeit, ihre Völker auf schwierige Zeiten vorzubereiten, und in solchen Fällen bietet der "äußere Feind" hilfreiche Ablenkung und Anlaß zu nationalem Schulterschluß.

Die Methode ist nicht ungefährlich, weil sie praktische Fehlurteile und Fehleinschätzungen fördert. Das argentinische Militär war felsenfest davon überzeugt, die USA würden die Invasion der Falkland-Inseln mit wohlwollender Neutralität dulden und die Engländer die Besetzung der Malvinen kampflos hinnehmen; über alles weitere könne man sich am Verhandlungstisch einigen. Die Sandinisten in Nicaragua zweifelten nicht daran, daß ihre Revolution nach Norden durchmarschieren werde; sie hatten den Widerstand des salvadorensischen Militärs ebenso unterschätzt wie die Abneigung der Bevölkerung. Beide Staaten – obgleich völlig verschieden in Größe, Wirtschaftskraft und politischem System – hatten von ihren inneren Schwierigkeiten mit derselben Methode ablenken wollen; beide scheiterten.