Sie hat den Nobelpreis, den ihr viele begeisterte Leser seit langem wünschen, also auch heuer wieder nicht bekommen, obwohl die Stockholmer Jury, die doch so gerne Politik betreibt, wissen müßte, wie wichtig diese Auszeichnung gerade für Nadine Gordimer wäre, schließlich ist diese berühmteste Autorin Südafrikas auch die von den Machthabern in ihrer Heimat meistgehaßte. Von ihren acht Romanen und sechs Bänden mit Kurzgeschichten (für die sie zahlreiche englische, amerikanische und französische Preise erhielt) passierten nur wenige die südafrikanische Zensur, und nie haben die Apartheid-Anhänger ihr verziehen, daß sie als PEN-Club-Vorsitzende ihres Landes aus einem nur Weißen reservierten Schöngeister-Verein eine radikale Autorengewerkschaft gemacht hat, die für politische Verfolgte die Anwaltskosten aufbrachte, Lesungen in den "Townships" genannten Schwärzen-Gettos veranstaltete und deren Mitglieder zuletzt, bevor sie von den Behörden zerschlagen wurde, zu 95 Prozent Schwarze waren.

Dabei ist diese Frau weder in ihrer äußeren Erscheinung noch als Autorin der Typ der Agitatorin, eher das gerade Gegenteil: Eine zerbrechlich wirkende, zarte Person, die vorwiegend über kleine und scheinbar belanglose Begebenheiten berichtet, aber dergestalt, daß in der Alltäglichkeits-Fassade immer wieder Risse und Sprünge sichtbar werden, die für winzige Momente einen unheimlichen Hintergrund, ein unterirdisches Beben ahnen lassen. Ähnlich wie in den Erzählungen der Neuseeländerin Katherine Mansfield ist auch in denen der Südafrikanerin das Unausgesprochene das Eigentliche und täuscht ein obenhin sorglos-behaglicher, ja gelegentlich geradezu beschwingter Tonfall über die Panik weg, die auf ihrem Grunde lauert, wenn auch Nadine Gordimers Prosa nicht so gleichsam hingehaucht wie die der Mansfield, sondern etwas handfester wirkt. Wo die Mansfield liebevoll ironisch ist, gibt sich die Gordimer ätzend sarkastisch, sie hat es ja auch mit einer Gesellschaft zu tun, deren (von ihr mit Vorliebe geschilderte) winzige weiße Oberschicht – viereinhalb Millionen Weiße beherrschen 24 Millionen Farbige – immer noch jenes privilegierte Dasein führen möchte, das schon in der nachviktorianischen englischen Gesellschaft, mit der sich Katherine Mansfield auseinandersetzte, anachronistisch geworden war. Kennzeichen eines solchen Privilegierten-Daseins sind die Fixierung auf Scheinprobleme und die Verdrängung der tatsächlichen, was nur um den Preis äußerster Verhärtung und Isolierung möglich ist. Die Weißen einiger Gordimer-Erzählungen haben eine Festungsmentalität, die wirkt, als seien sie die Gefangenen und nicht etwa die Wärter. Nicht zufällig träumen sie so gerne von der Ferne, von Europa vor allem, allerdings einem so unbeschädigten, wie es realiter längst nicht mehr existiert. Die mit einem Sohn des berühmten Berliner Kunsthändlers Cassirer verheiratete Nadine Gordimer karikiert in der Eingangserzählung des hier angezeigten Geschichten-Bandes diese Europa-Euphorie auf unnachahmliche Weise.

Entmystifizieren, entzaubern, das ist die besondere Stärke der Nadine Gordimer, deren erstes Buch, das 1956 auch bei uns Aufsehen erregte, "Entzauberung" betitelt war. Entzaubert werden von ihr auch jene weißen Intellektuellen, deren demonstrativ herausgestellte Vorurteilslosigkeit gegenüber Farbigen für Nadine Gordimer entweder pure Ahnungslosigkeit oder aber schlimmste Anmaßung verrät. Ihr, die ein Leben lang für die Gleichberechtigung gekämpft hat, scheint der Abgrund zwischen Weißen und Schwarzen inzwischen offenbar unüberbrückbar. Daß sie sich dennoch nicht ästhetischer Selbstbefriedigung hingibt, sondern in scheinbar noch entlegensten Geschichten-Stoff diesen Abgrund für Augenblicke sichtbar werden läßt, verleiht diesen Geschichten ihre besondere Bedeutung.

Nadine Gordimer: "Clowns im Glück", Erzählungen; ft 5722, Fischer, Frankfurt; 236 S., 9,80 DM. Peter Hamm