Bürgerkriegsartige Kämpfe mit einer kleinen islamischen Sekte erschüttern Nigeria, den bevölkerungsreichsten afrikanischen Staat.

Von fast 500 Toten bei den Unruhen in drei Großstädten des islamischen Nordens spricht die Zentralregierung in Lagos. Die Polizei sei jedoch Herr der Lage. Unter den vielen Bewohnern der Nordprovinzen, die aus dem Süden stammen – zumeist Christen herrscht aber Angst. Viele sollen sich schon zur Rückkehr in die Heimat entschlossen haben.

Dabei richtet sich der Zorn der militanten Maitatsine-Sekte gar nicht in erster Linie gegen die Christen. Ihr Gründer Munammadu Marwa, ein islamischer Prediger aus Kamerun, hatte seine Anhänger vor zwei Jahren in einen aussichtslosen Aufstand gegen die weltliche und modernistische Regierung des Vielvölker- und Vielreligionenstaates geführt, in dem die Muslime rund die Hälfte der 80 Millionen Einwohner ausmachen. Damals kam es nach tagelangen Straßenkämpfen in Kano, der Metropole des Nordens, zu 4000 Toten. Darunter war Marwa selbst, den seine überlebenden Gefolgsleute seitdem als Propheten verehren.

Jetzt entzündeten sich die Unruhen im abgelegenen Maiduguri an der Festnahme einiger Maitatsine-Leute. Teils nur mit Pfeil und Bogen bewaffnet, schlugen die Sektierer zurück, töteten eine Anzahl von Polizisten und nahmen Zivilisten als Geiseln. Die Regierung ließ die Stadt von der Außenwelt abriegeln; auch eine Woche nach Beginn der blutigen Unruhen sind ausländische Beobachter auf die Berichte des staatlichen Rundfunks angewiesen.

Die Radiomeldungen lösten eine Kettenreaktion aus. In der Provinzhauptstadt Kaduna töteten Anhänger Marwas nach unbestätigten Berichten wahllos 44 Andersgläubige. Aber es blieb nicht bei Auseinandersetzungen zwischen sunnitischen Muslimen und Anhängern der obskuren Sekte,

In Kano, Schauplatz des blutigen Dshihad von 1980, liefen junge Muslime gegen den Neubau einer christlichen Kirche Sturm. Das Ergebnis: zwei Tote – und die Gefahr, daß die Gefechte mit den fanatischen Häretikern aus dem Norden nur den Auftakt bilden für einen neuen Krieg zwischen Muslimen und Christen, zwischen Nord und Süd. HJG