Stollwerck verwöhnt!" Und das geht so: In einer großen Halle mit dem Charme eines Schlachthauses drängeln sich Hunderte von Jugendlichen aus Köln und der Umgegend. Sie stammen aus allen sozialen Schichten; Gastarbeiter und Studenten, Obdachlose und Punks. Platz zum Sitzen gibt es nicht, also stehen sie. Zum Umfallen ist es sowieso zu eng. Von den Wänden, die bis unter die Decke gekachelt sind, wird die Musik dröhnend zurückgeworfen und erhält dadurch einen eigenartigen Halleffekt. Die Gruppe, die Rock neuester Machart spielt, kennt keiner, denn sie tritt, wie hier üblich, zum erstenmal auf.

Und während oben im ersten Stock des alten Fabrikgebäudes anläßlich der wöchentlichen Veranstaltung von "Schoko Nervös" gerockt und gerollt wird, bis die Kacheln von den Wänden allen, findet gleichzeitig unten im großen Saal – auch er eine ehemalige Fabrikhalle mit Rohren, Ventilen und Handrädern – eine türkische Hochzeit statt. Hier können die dreihundert Gäste feiern wie daheim in der Türkei, mit anatolischem Essen, Musik und natürlich auch der Bauchtänzerin.

Die hier so entschieden ihre Anspruchslosigkeit dokumentieren, sind stolz auf ihre Kachelsäle und Fabrikhallen, denn sie haben sie unter Mühen der Stadt Köln abgerungen. Ob sie ihren "Palazzo Schoko" aber auf die Dauer behalten können, ist noch nicht entschieden.

Wir befinden uns in der Kölner Südstadt, dem alten Severinsviertel, bekannt über die Grenzen Kölns hinaus. Es ist das Viertel der Arbeiter und der Zuhälter, der Prostituierten und der Türken; und nicht zuletzt das Viertel der Jugend. Und dennoch: Hier ist Köln noch Köln.

Die Straßen sind eng und verwinkelt; nur selten erreicht ein Sonnenstrahl den Boden, und das spärliche Grün kämpft zwischen alten Häusern von denen der Putz abblättert ums Überleben. In diesem Stadtteil entstand in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts die Stollwerck-Schokoladenfabrik. Auf einem riesigen Gelände, das sich bis zum Rhein hinunterzog, wurden durch zwei Weltkriege hindurch in großen, düsteren Gebäudeklötzen, hinter von Staub erblindeten Fenstern, Süßigkeiten hergestellt. Ende der sechziger Jahre unseres Jahrhunderts entschloß sich die Werksleitung, die Fabrik aus der Stadt hinauszuverlegen.

Zu Beginn der siebziger Jahre wurde das Severinsviertel zum Sanierungsgebiet erklärt, und man beschloß im Rahmen der Verschönerungsmaßnahmen des Stadtteils, die Fabrik abzureißen. Dagegen sträubten sich zahlreiche, vor allem jüngere Leute, die in die alten Gebäude Wohnungen einbauen wollten. Trotz aller Versuche, die Zerstörung der Fabrik aufzuhalten, die vom Bau einer Musterwohnung bis zu einer sechswöchigen Werksbesetzung reichten, mußten große Teile schließlich dem baulichen "Fortschritt" weichen. Sechzig Prozent der Gebäude wurden vor zwei Jahren gesprengt.

Nachdem ein Mietvertrag mit der Stadt Köln abgelaufen und nicht verlängert worden war, blieben die vormaligen Mieter einfach in dem übriggebliebenen Gebäude, aus dem sie inzwischen ein Kulturzentrum gemacht hatten. Angesichts der erstaunlichen Aktivitäten, die hier entwickelt worden waren, hatten die Stadtväter wohl auch kalte Füße bekommen.