Kunst aus der Sowjetunion hat hierzulande Hochkonjunktur. Nach den Präsentationen der Großeinkäufe von Henri Nannen und Peter Ludwig zeigt die Düsseldorfer Kunsthalle nun einen der bedeutenden Künstler der Sowjetunion, "Held der sozialistischen Arbeit", dessen Werk die gesamte Entwicklung des Landes seit der Revolution umfaßt.

Alexander Deineka kann man aus mehreren Gründen als den Prototyp des sowjetischen Staatskünstlers bezeichnen. Nicht in erster Linie, weil die Liste seiner offiziellen Aufträge kaum noch überschaubar ist, auch nicht wegen seiner unzweifelhaften Zugehörigkeit zum "Realismus" ganz allgemein, sondern vor allem wegen der inneren Entwicklung seiner Malerei, deren Wurzeln in die Bewegung der "russischen Avantgarde" der zwanziger Jahre zurückreichten. Deineka erhielt seine künstlerische Ausbildung an jener berühmten Kunstschule "Wchutemas" (Höhere Künstlerische Technische Werkstatten), zu deren Lehrern unter anderen Malewitsch, Tatlin und Kandinsky gehörten, die zu den Begründern der Moderne geworden sind. Aber Deinekas Vorliebe galt einem anderen Lehrer, dem realistischen Maler und Graveur Faworskij, unter dessen Einfluß er zu den Anführern der Reaktion gegen die abstrakte Kunst wurde.

Deineka wählte zu Beginn der zwanziger Jahre eine "positive Linie als grundlegend aus" (Katalog) und stellte sich damit entschieden gegen die Kollegen, die alsbald unter das Verdikt des "Formalismus" gerieten und mehrheitlich das Land verlassen mußten. Die erbitterten Auseinandersetzungen unter den sowjetischen Künstlern, die schließlich zur Spaltung der einstmals einigen, revolutionären Bewegung führte, hatte zweifellos nicht nur politische Gründe. Die unterschiedlichen Kunstauffassungen hatten ihre historischen Wurzeln in sehr verschiedenen Traditionen, die gleichwohl alle zur europäischen Kunstgeschichte gehören. Die enge Verbindung zu Staat und Partei, die aber vor allem die Realisten unter den sowjetischen Künstlern eingingen, zu deren führenden Vertretern Deineka gehörte, hatte allerdings verheerende Rückwirkungen auf die Entwicklung der Kunst und das individuelle Werk.

Die frühen Arbeiten, vor allem die Zeichnungen und Karikaturen, lassen die Einflüsse und Vorlieben deutlich erkennen. Vor allem Majakowski mit seinen künstlerisch-agitatorischen "ROSTA-Fenstern" (einfache Bildergeschichten, die in den Fenstern der Telegraphenagentur ausgestellt wurden) hat einen unübersehbaren Einfluß auf Deineka ausgeübt. Die vereinfachte Darstellung, die einprägsamen Typisierungen sowie die satirische Zuspitzung prägen den Stil dieser frühen Zeit. Aber Deineka wird inhaltlich schnell vom solidarisch-kritischen Begleiter der neuen Gesellschaft zu deren Propagandist. Während der von ihm so bewunderte Majakowski diesen Weg nicht zu gehen vermag und freiwillig aus dem Leben scheidet, beginnt Deinekas Aufstieg zum gefeierten Staatskünstler, der gleichzeitig sein Abstieg als ernsthafter Maler ist.

Noch in den großen Kompositionen gegen Ende der zwanziger Jahre, vor allem in dem Bild "Die Verteidigung von Petrograd", sind die Einflüsse der Avantgarde manifest. Die gegenläufige Bewegung der beiden Marschkolonnen, die bewußt nur den Vordergrund betonende Raumaufteilung und die graphische Silhouettierung der Figuren, das alles ist ohne die Einflüsse der diffamierten "Abstrakten" nicht denkbar. Aber nachdem sich Deineka noch einmal, in dem anklagenden Bild "Söldner der Interventen", zu einem echten Pathos der Betroffenheit gesteigert hat, beginnt der Abstieg. Er kündigt sich schon an in der maskenhaften Gestaltung des Gesichtes des "Söldners", die in krassem Gegensatz zu den individuell durchgearbeiteten Köpfen der Opfer steht. Wenige Jahre später, 1932/33, malt Deineka die vollkommen sinnentleerten Gestalten des sozialistischen Realismus, den "neuen Menschen" mit seinem hohlen Pathos und dem schrecklichen, verordneten Optimismus. Von diesem künstlerischen Tiefpunkt soll sich der Maler nie mehr erholen.

Dennoch gelingen Deineka immer wieder Arbeiten, die sein zweifellos großartiges Talent als realistischer Maler unter Beweis stellen. Von Studienreisen in den dreißiger Jahren bringt er vor allem Aquarelle und Zeichnungen zurück, die in der Tradition des Realismus neben seinen großen Vertretern bestehen können.

Als eigenständig entwickelter Werkbereich wirken die Plakate von Deineka, die aus dem Zusammenhing der fortschrittlichen russischen Graphik der frühen zwanziger Jahre zu verstehen sind. Hier werden neue Techniken erprobt, wie die der Montage, die ihre Bedeutung für die Malerei erlangen, auch Deineka hat hier viel übernommen, was ohne die Pioniertaten von Lissitzky, Rodschenko und den vielen anderen Avantgardisten nicht denkbar wäre. Die Düsseldorfer Ausstellung hätte ein hochinteressantes, ja spannendes Lehrbeispiel werden können für die Folgen des politischen Primats in der Kunst. Zu Recht verweist Jürgen Harten im Katalog auf die vorangegangene Einzelausstellung des Avantgardisten Kasimir Malewitsch – die allerdings mit einem Mißklang endete. Nur hätte dieser Zusammenhang ehrlich dokumentiert und aufgearbeitet werden müssen. Daß die wirklich großen Lehrer auch Deinekas als "einige wilde Charaktere an der Hochschule" diffamiert werden, dürfte ein westliches Kunstinstitut auf keinen Fall akzeptieren. Wer also die Spuren einer tragischen Entwicklung der sowjetischen Kunst im Werk eines ihrer gefeierten Helden verfolgen will, der ist auf seinen eigenen Spürsinn angewiesen. Belege findet er in großer Zahl, nicht zuletzt in der von Henri Nannen zusammengestellten Ausstellung "Russische Malerei heute", die als fast ironischer Kontrapunkt im selben Haus, im Kunstverein, stattfindet. (Städtische Kunsthalle, bis 5. 1. 1983; Katalog 21,- DM)

Hans-Peter Riese