In Polen treibt die Auseinandersetzung zwischen Staatsgewalt und Anhängern der verbotenen Gewerkschaft Solidarność auf einen neuen Höhepunkt zu: Am 10. November soll es zum Generalstreik kommen.

Am 10. November jährt sich die Registrierung der inzwischen aufgelösten Solidarność zum zweiten Mal. Für den Fall, daß es an diesem Tag zu Demonstrationen und Streiks kommen sollte – so hat Regierungssprecher Urban angedroht –, werde die Warschauer Führung das Kriegsrecht möglicherweise über das Jahresende hinaus ausdehnen. Die Verlängerung des Ausnahmezustandes liege offenbar im Interesse des Westens, erklärte Urban; denn verschiedene Kräfte und Regierungen in Amerika und Westeuropa leisteten den Streikorganisationen Hilfe und spornten sie an, obwohl eine Verschärfung der Situation "sogar zum Blutvergießen" führen könne.

Zur Einschüchterungskampagne gegen die Anhänger der Solidarnosc gehört offensichtlich die Information, daß der sowjetische Geheimdienst KGB vor dem 10. November alle wichtigen Positionen im Lande besetzen werde. In einem vertraulichen Dokument soll den Mitgliedern des polnischen Zentralkomitees außerdem angekündigt worden sein, daß bulgarische, ungarische und tschechoslowakische Truppen einmarschieren würden, wenn Polens Ordnungskräfte die erwarteten Unruhen nicht mehr kontrollieren könnten. Vieles spricht dafür, daß dieses Dokument eigens zur Abschreckung der Solidarność produziert worden ist.

Der Primas der polnischen Kirche, Erzbischof Glemp, hat sich gegen den Generalstreik am 10. November ausgesprochen. In Italien sagte er zu Journalisten, wegen der drohenden Konsequenzen, "insbesondere in Form zusätzlicher Unterdrückung", lehne die Kirche den Streik entschieden ab.

Zugleich wandte sich Glemp indirekt gegen die von Washington verfügten Handelsbeschränkungen. Präsident Reagan hatte Polen – als Vergeltung für die Auflösung der Solidarnosc – nach zwei Jahrzehnten den Meistbegünstigten-Status entzogen. Erzbischof Glemp erklärte dazu, daß die Sanktionen vor allem zu Lasten der Bevölkerung gingen. "Von Amerika erhalten wir viele wohltätige Hilfen, von Nahrungsmitteln bis zu Schuhen. Aber was wir vor allem brauchen, ist ein neuer Schwung für die Wirtschaft, um aus der Krise zu kommen – und diesen Schwung kann nur Wirtschaftshilfe für unser Land bringen."

Die neuen Sanktionen der amerikanischen Regierung hat Partei- und Regierungschef Jaruzelski mit der Ankündigung beantwortet, die "amerikanische Präsenz in Polen einzuschränken". Als erste Maßnahne sperrte das Außenministerium den Vertrieb der polnischsprachigen amerikanischen Vierteljahresschrift Ameryka.

Verschiedene Aktionen des harten Flügels in der polnischen Führung haben inzwischen deutlich gemacht, daß die Position General Jaruzdkis als Parteichef immer schwächer wird. Das ehemalige Politbüromitglied Tadeusz Grabski, der im Juni 1981 mit Unterstützung Moskaus den damaligen Parteichef Kania zu stürzen versuchte und dann selbst abgeschoben wurde, meldete sich jetzt mit einem Brief an die Parteimitglieder zurück.