Ronald Reagans Aufbruch in die Vergangenheit blieb stecken

Von Michael Naumann

Washington‚ im November

Amerika ist steckengeblieben – vorübergehend nur, aber abrupt. Eben noch hatte der Präsident dem Land einen "Neuen Anfang" versprochen, die Rückkehr zur soliden Haushaltsführung, zu "Jobs, Jobs, Jobs", zum moralischen Anstand der fünfziger Jahre, zum tugend- und wehrhaften Amerikanismus patriotischer Rechtschaffenheit; und das innovationsmüde, vom Narzißmus der "Ich"-Generation der letzten Jahrzehnte erschöpfte Volk schien ihm brav zu folgen. Doch die Wahlergebnisse dieser Woche, die Verluste der Republikaner könnten das Ende folgen, vativer Sehnsuchtspolitik, einen Rutsch zur Mitte signalisieren – aber auch neue, nationale Ratlosigkeit. Wie soll’s weitergehen?

Ronald Reagans konservative Ansehensmacht, auctoritas, blühte sechzehn Monate lang im Licht erfolgreicher Parlamentsbataillen. Nur ein einziges (unwichtiges) Gesetz blieb ihm vom Kongreß verwehrt; kein Etatposten, keine Steuerkürzung, die ihm nicht willfährig genehmigt worden wäre. Reaganismus als Rhetorik funktionierte. Die Fernsehdarstellungen des "Großen Kommunikators" rührten das Herz des Publikums; den zentrifugalen, sozioökonomischen Kräften des Wandels, der Balkanisierung und Demoralisierung des politischen Prozesses setzte er unbefangen das Pathosseines guten Willens entgegen. Aber die Wahlen zeigen, daß die Bürger ihm selbst zwar glauben; doch viele von ihnen haben das Vertrauen in seine Politik verloren.

Die Kongreß wählen zeigen vor allem eins: Die populistische Koalition von 1980 zerbröckelt. Sie war von Anfang an instabil Den Falken im Lande hatte Reagan eine neue Pax Americana versprochen; der oberen Mittelschicht, der Business-Gemeinde stellte er Steuererleichterungen in Aussicht und den Abbau von umweltschützenden Regelwerken; der Neuen Rechten winkte die Rückkehr des Herrgotts in die Räume des Obersten Gerichtshofs, die Wiederauferstehung rigider. Moral und eine protestantische Erweckungsbewegung mit Reagan an der Spitze; den intellektuellen Neokonservativen schwebte eine Renaissance der Anti-Totalitarismusdebatte der 50er Jahre vor – diesmal mit scharfen Waffen geführt. Doch alle zusammen konstituierten sie eine widersprüchliche Koalition, deren Krise, mit den Worten des (konservativen) Analytikers Kevin P. Phillips, in ihrer Unfähigkeit beschlossen liegt, aus dem Bannkreis der Vergangenheit auszubrechen in eine "Philosophie der Zukunft". So verschied jene Allianz, der Nostalgiker im eisigen Frost der Weltrezession – und niemandem blieb verborgen, daß der Präsident sie mit haltlosem Monetarismus und zügelloser Steuerpolitik verschärft hatte.

Unter dem Banner der Sparsamkeit droht seine Regierung bis 1984 mehr Staatsschulden zu seine Regierung als alle seine Vorgänger seit Washington zusammen. "Haltet den Kurs!", ruft der Steuermann im Weißen Haus dem Volke zu, doch 11,3 Millionen Arbeitslose, 22 Millionen "offiziell" Arme (von 231 Millionen Bürgern), 22 000 im Konkurs gescheiterte Geschäftsleute – und schließlich die Mehrheit der amerikanischen Wähler, zumal der Frauen, wissen nicht mehr, von welchem Kurs eigentlich die Rede ist.