Die Pariser Prêt-à-porter-Made ist frech und fröhlich. Sie ist ein stimulierendes Angebot für Frühjahr/Sommer ’83 und zugleich eine Herausforderung mit Kontrastprogrammen. Da gibt es korrekte Neo-Klassiker neben Grace Kellys und Marilyn Monroes Hollywood-Glamour. Das kann jungmädchenhaft mit wadenlang schwingenden Röcken und schmaler Taille sein oder ist kurz, körpernah und kurvenreich, Fassbinders "Querelle-Matrosen" verwandeln sich in einen knackfrischen Navy-Look, und moderne Kunst wird als farbige Geometrie, mit Streifen, Rauten, Drei- und Achtecken, Würfeln und tellergroßen Tupfen auf die Straße kommen.

Das wird ein Sommer mit Kleidern aus Baumwolle. Federleichtes ist aus Batist, Voile oder Organdy. Pikee, Popeline, Gabardine und Drell, die kann man strapazieren. Große Saison für Leinen! Ob durchsichtig oder derb – es darf knittern. Leinen kommt auch als Gestrick, als Damast, als Grobleinen und Packleinwand, dann wird es mit Blenden und Gürteln aus Leder verarbeitet. Der letzte Hit sind Netzstoffe, fein oder grob geknüpft; sind sie die neuen Transparenten. Seide tarnt sich dessiniert wie kostbare Herrentuche für Ensembles mit Rock oder Hose, bleibt aber als Crêpe de Chine der ideale Fond für neue Druckmotive.

Schwarz mit Weiß als Kontrastanführer, gefolgt von makellosem Weiß von Kopf bis Fuß, sie fehlen nirgends. Neben sanften Aquarell- und Pastelltönen kommen laut und fröhlich Royalblau, Giftgrün, Violett, Fuchsia, Orange, Türkisblau, Zinnober und Gelb daher, sie werden stets mit Weiß kombiniert. Schwarz und Grau laufen keineswegs mehr unter "diskret". Mit poppigen Details bestimmen sie eine moderne Outsider-Eleganz. Zu ihr gehören wieder Strohhüte mit Kirschen oder Blumen dekoriert, bizarre Turbane, grellfarbige, nach vorn geschobene Hütchen, Schirmmützen, Matrosen- oder Bobby-Caps, alle von gestern – aber heute wirken sie impertinent neu. Großes Comeback auch für Handschuhe, mit hohen Stulpen dekoriert oder ganz kurze weiße aus feinem Leder; sie sind plötzlich wieder "ein Muß".Größe Saison für Kleider. Sie zeigen wieder deutlich Figur. Die einen mit voluminös gebauschten Ärmeln zu spitzen Ausschnitten und hohen Miedergürteln habenschwingend weite oder eng gewickelte Röcke, die entweder das Knie knapp bedecken oder gut wadenlang sind. Die anderen nennen sich, wie in den fünfziger Jahren, Schlauch-Etui oder Futteral-Kleider, sind aber, von jeder Patina befreit, ideal geschmeidige Jersey- oder Strickkleider, mit breiten Kaminkragen, die sich schulterfrei rollen lassen. Angelo Tarlazzi ließ sie in allen Farben defilieren und variierte sie mit schmalen Trägern und breit um die Hüften drapierten Gürteln. Weite lange Blazer sehen sehr gut dazu aus.

Voluminöse kürzere Jacken als Kontrast zu knappen Röcken ist das Leitmotiv bei Chloe von Karl Lagerfeld. Sichelförmig wölben sich die Ärmel, die Schultern verbreiternd, um die Taille besonders schlank erscheinen zu lassen. Hierzu gibt es neue Blusen mit schulterbreiten Revers à la Schillerkragen, über die Jacke geklappt bleiben sie offen, bis ein hoher Miedergürtel weitere Einblicke stoppt. Mit Stulpenhandschuhen aus Nappaleder und breiten Strohhüten ergibt das eine völlig neue Kostüm-Silhouette. Bequem ist Lagerfelds Strickmode mit superlangen Twinsets. Ob zu weiten wadenlangen Hosen oder zum schwingenden Rock, mit Schirm,Hut und Handschuhen (alles blütenweiß – typische Neo-Eleganz!): Sommersandalen mit Plateausohlen und um die Fesseln gebundenen Riemen dürfen nicht fehlen.

Straff und nach Themen aufgeteilt präsentierte Claude Montana. Da kommen sie, die adrettweißen Matrosinnen in Spenzern mit goldenen Rangabzeichnen an den Ärmeln. Es folgen die "Admiralskleider" aus weißem oder marineblauem Leinengestrick mit eingestickten Ordensbändern. Aus Wildleder ist die Dschungel-Serie mit Epauletten und Blasebalgtaschen am zugebundenen langen Trench über Krempel-Shorts. Indigoblauer "Mechaniker-Chic" mit gewachsten Schirmmützen glänzt mit vielen goldenen Nieten und Reißverschlüssen. Und große aufgesetzte Netztaschen an Blousons und Netzhalstücher gehören zu den "Fischerinnen" in Forellenfarben.

Vampige Stars, verfremdete Uniformen, Hollywoods Sekretärinnen-Sex und Salonschlangen in Schlitzkleidern sind Lieblinge von Thierry Magler. Er sieht sie mit Witz, führt sie kurvenreich, revue-artig aufgetrimmt vor und verkauft sie später ohne jeden Gag. Scherze solcher Art kann sich die Haute Couture mit ihrer Boutique-Mode nicht erlauben. Verkaufssichere Modelle übersetzt sie, legt großen Wert auf bizarre Accessoires und läßt ihre großen Namen im Etikett für sich arbeiten.

Saint Laurents Rive gauche-Kollektion zeigt deutlich Taille bei zweireihigen Spenzern und längeren Jacken mit leicht glockigem Schoß. Er nutzt den attraktiven Schwarz-Weiß-Trend für Kleider oder schmückt sie mit Miedereinsätzen und Schirpengürteln. Aber Röcke und Blusen mit gepufften Ärmeln sind sein Leitmotiv für den Sommer ’83, in so eklatanten Farben, Mustern und mit Schmuck beladen, als würde er ein dauerndes Samba-Festival werden.