Zwar hat die SPD nur vier Wochen nach dem Sturz Helmut Schmidts und nur drei Tage nach dessen Verzicht auf eine neue Kanzlerkandidatur ihren neuen Bewerber um das Amt des Regierungschefs nominiert – eigentlich in Rekordzeit. Zwar schickt sie sich in das Los der Opposition – zum Beispiel dadurch, daß eine Fraktionskommission gegenwärtig Vorschläge auswertet, mit welchen Initiativen sich fortan bei der Parlamentsarbeit aufwarten läßt, von Gesetzentwürfen bis zu Anträgen, selbst bis zu Pressemitteilungen.

Aber irgendwie ist der Faden einstweilen doch gerissen. Ziemlich lustlos wirkte Willy Brandt, als er am vorigen Freitag den Vorschlag des sozialdemokratischen Parteivorstands bekanntgab, Hans-Jochen Vogel auf den Schild der Kanzlerkandidatur zu heben. Da war nicht nur Understatement im Spiel, um die Zäsur zu überdecken, die diese Konsequenz und natürlich der Wechsel überhaupt für die SPD bedeuten.

Ob denn Vogel sehr habe gedrängt werden müssen oder ob nun auch ein wenig "Freude aufgekommen" sei, lautete denn auch eine Frage. Das Gesicht des Kandidaten sei sehr viel freundlicher gewesen als früher, antwortete Brandt. Aber von Hans-Jochen Vogel, der bei Gelegenheit der Pressekonferenz doch gleich hätte präsentiert und das Wort nehmen können, war nichts zu sehen.

Es ist vorläufig kein Zug mehr drin. "Die Verfolgung und Erwählung Hans-Jochen Vogels, dargestellt durch Präsidium und Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands unter Anleitung des Herrn Brandt", stand in einem Vorbericht der Süddeutschen Zeitung zu lesen. Die Abwandlung des Titels für das "Marat"-Stück von Peter Weiss, um die jeder Bonner Kollege Hartmut Palmer beneiden muß, traf und trifft die Lage genau.

Bezeichnend auch, daß Willy Brandt die Chance nutzte, des längeren von den "fabelhaften Ergebnissen" der spanischen Sozialisten und der schwedischen Sozialdemokraten zu sprechen. Im europäischen Maßstab erträgt sich das Bonner Leid besser. Charakteristisch ferner, wie heftig ausgelassen etwa eine Bonner Siegesfeier für Rolf Böhme, den erfolgreichen Freiburger SPD-Oberbürgermeister, geriet: saure Zeiten, frohe Feste. Aber kennzeichnend schließlich ebenso, wie sehr Herbert Wehner wieder knurrt und manchmal um sich. schlägt. "Laßt Euch", so schrieb er in seinem jüngsten Brief an die Parlamentsmannschaft der SPD, "nicht beirren durch noch so viel Schadenfreude oder Gehässigkeit" – gerade jetzt, so ein paar Sätze vorher, "wo viele in den Medien ...versuchen, uns am liebsten kaputtzukommentieren und für uns schon jetzt Niederlagen bei erst noch bevorstehenden Wahlen herbeischreiben oder -reden möchten."

Die sozialdemokratische Fraktion – fast eine Wagenburg.

Die Fraktion von CDU/CSU hat auch ihre Schwierigkeiten. Der Wechsel, der sie, als er endlich eintrat, so sehr in Euphorie versetzte, hat keineswegs zum Einzug ins gelobte Land geführt. Vielmehr ist der Alltag als Regierungsfraktion fast so normal und so grau wie umgekehrt für die SPD das Dasein auf den Oppositionsbänken.