Von Friedemann Bedürftig

Der gewiß wichtige Unterschied zwischen dem "salonfähigen" Antisemitismus vor Hitler und dem Judenhaß der Nationalsozialisten wird oft aus durchsichtigen Motiven überbetont. "Der Jude", heißt es dann, war ja von jeher nicht nur in Deutschland ein beliebter Sündenbock, sondern überall und zuweilen gar – vornehmlich in Rußland – im mörderischen Sinne. Manche Deutsche meinen offenbar, mit solchem Verweis ihrer Sonderrolle als Verfolger der Juden zu entkommen und zugleich zu erklären, warum Hitlers Tiraden nicht ernster genommen wurden.

Gewiß, Auschwitz war selbst für hartgesottene Antisemiten kaum vorstellbar. Aber ohne sie wäre es eben auch nicht möglich gewesen. Es gab sie in aller Welt, aber die Vernichtungslager ersannen und betrieben Deutsche. Und so bringt die Trennung von Rassen-Antisemitismus und "gängiger" Judenfeindschaft in diesem Zusammenhang nicht mehr als die Vermutung: Auch anderswo wäre unter ähnlichen Umständen dem Holocaust kaum mehr Widerstand geleistet worden. Also kein "typisch" deutsches Verbrechen – ein deutsches aber unentrinnbar.

Wie wenig Entlastung überdies aus der terminologischen Differenzierung zu ziehen ist, lehrt schon der zur flüchtige Blick auf die Geschichte der Juden in Mitteleuropa:

Ludwig Rosenthal: "Wie war es möglich? Zur Geschichte der Judenverfolgungen"; Verlag Darmstädter Blätter, Darmstadt 1981,185 S., 12,80 DM.

Dabei ist mit flüchtig nicht oberflächlich, sondern knapp und allgemeinverständlich . gemeint. Das Buch, schon 1964 auf englisch erschienen, sucht in der jüdisch-deutschen Geschichte die Linien, die nach Auschwitz führten, und das sind viele. So viele, daß Rosenthal schlußfolgern kann: "Ich halte das deutsche Volk für schuldig, daß es eine judenfeindliche Atmosphäre in solchem Ausmaß hatte aufkommen lassen, daß die praktische Durchführung der Verbrechen Hitlers ... überhaupt möglich war."

Rosenthals Abriß endet 1933. Die Verbrechen, von denen er spricht, setzt er als bekannt voraus. Optimistischerweise, muß man sagen, denn "bekannt" sind den meisten nur kühle Millionenzahlen von Opfern und allenfalls ein paar exotisch klingende Namen von Tatorten. Die NS-Euphemismen von "Sonderbehandlung" oder "Endlösung" scheinen in der statistischen Betrachtung des Völkermords an den Juden fortzuwirken, nur selten überwunden durch Erschütterungen, wie sie etwa Anne Franks Tagebuch oder, in ganz anderer Weise, die Fernsehserie "Holocaust" erzeugten.