Von Jörg Altwegg

Die Schweiz, das ist bekannt, hat keine Rohstoffe. Dennoch sind ihre Aktien an der internationalen Börse der nationalen Ausweispapiere sehr hoch notiert. Auf dem schwarzen Markt und in der Unterwelt werden für das dreißigseitige "rote Büchlein", das Mutter Helvetia ihren Kindern als beschützendes Wertpapier mit auf den Weg durchs Leben gibt, horrende Summen geboten. Damit erklärt sich wohl, warum die Schweizer in der Fremde an ihrem stets leicht geduckten Gang zu erkennen sind. Die Hand auf der linken Brust zeugt dabei keineswegs von helvetischer Überheblickeit in napoleonischer Pose – der gute, der geschichts- und geldbewußte Eidgenosse blutet nämlich noch immer an der Wunde Winkelrieds. Dieser warf sich zur Zeit der heroischen Schlachten, deren berauschendes Blutdampfen wir als Schulkinder in marschierender Viererkolonne besangen, vor die Speerspitzen – wahrscheinlich der Österreicher – und riß unter Aufgabe seiner selbst eine Bresche in die feindlichen Ränge. Mit eben dieser Geste beschützt der Zeitgenosse seinen Paß, den er im feindlichen Territorium zwischen Herz und Brieftasche trägt. Zu Hause läßt er ihn zusammen mit dem Sparbuch und dem Geburts- und Trauschein im Safe.

Mein Paß trägt – das ist hoffentlich kein Staatsgeheimnis – die Nummer 2885620. Die hohe Bedeutung des roten Dokuments mit dem weißen Kreuz wurde mir bewußt, als es auf dem postalischen Weg zu einer afrikanischen Botschaft nach Rom, bei der ich ein Visum für Guinea beantragte, verloren ging. Entweder lebt seither ein italienischer Briefträger als Fremdarbeiter mit gefälschten Papieren in der Schweiz, oder ein Botschaftsbeamter hat Sékou Tourés totalitären Folterstaat mit der freiheitsdurstigen Schweiz vertauschen können. Beide Visionen sind mir keineswegs unangenehm.

Doch bis ich einen neuen Paß hatte! Zweimal mußte die Verlustanzeige im Amtsblatt, das der unehrliche Finder ganz gewiß nicht liest, erscheinen – auf meine Kosten. Glücklicherweise konnte ich zu meiner Entlastung die Postquittung vorweisen, und schließlich bekam ich meine neuen Papiere, deren erster und einziger vollständiger Satz lautet: "Der Inhaber dieses Passes ist Schweizerbürger und kann jederzeit in die Schweiz zurückkehren." Wie beruhigend.

Ausländer dieses Landes, das die Arbeitslosigkeit weitgehend wegexportiert hat und seinen Bürgern die ewige Heimkehr schriftlich garantiert, sind sehr erpicht darauf, Schweizer zu werden. Sie nehmen dafür Unannehmlichkeiten und hohe Kosten in Kauf. Erst als Inhaber des roten Paßbüchleins dürfen sie sich politisch äußern. Als zum Beispiel Alfred Grosser in einem Vortrag in Zürich die Schweiz kritisierte, intervenierte die Fremdenpolizei bei den Veranstaltern.Grosser war glücklicherweise schon wieder abgeflogen.

Die Beförderung des Ausländers zum Schweizerbürger dauert in aller Regel mehrere Jahre und kann überhaupt erst eingeleitet werden, wenn man ein volles Dutzend Jahre in der Eidgenossenschaft gelebt hat. Das Ganze nimmt nur zu oft derart groteske Formen an, daß daraus jüngst eine Komödie entstand: "Die Schweizermacher", ein Film mit dem Kabarettisten Emil, avancierte zum helvetischen Kassenschlager und konnte sogar im Ausland gezeigt werden.

Wer sich um das Schweizer Bürgerrecht bewirbt, muß nach einem langjährigen Verfahren zum Schluß eine Prüfung ablegen. Der jugoslawische Kunstmaler Iwan G. hat sie mit Erfolg hinter, sich gebracht: "Vorher habe ich zuerst einmal zwei Kirsch hinuntergeschluckt, um meine Nerven zu beruhigen. Ich war gründlich vorbereitet. Meine Freunde hatten mich abgefragt – es waren reinste Geschichtsstunden. Als ich dann antreten mußte, war ich so aufgeregt, daß ich bei der Frage, wer zur Zeit die berühmteste Schweizerin sei, prompt antwortete: das Sennentuntschi." –