Wolfgang Rohner-Radegast: "Semplicità"

Von Gerhard Stadelmaier

Daß aus diesem Buch ein Buch geworden ist, muß fürs erste als das Schönste an ihm gelten. Denn solche Bücher sind bisher eigentlich alleweil dazu tauglich gewesen, im und mit dem Leben desjenigen zu verschwinden, der sie so geschrieben hat, daß nur er allein fürs Geschriebene "da" ist – und das Geschriebene allein für ihn: eine verrückte, herrlich wahnsinnige Liebschaft zwischen den beiden, voller Geheimnisse und ausgedachter Codes.

Da werden, so scheint es, die großen Löcher in den Wörtern, die halb ausradierten Sätze, die Einschübe mitten in Einfügungen, die Brüche und Sprünge hinweg über zersprungene Sprache zu Zeichen einer Blindenschrift, die der nur – wie mit Fingerkuppen drübergleitend – erfühlt, welcher sie ertüftelt hat.

Solcherlei Amouren können böse enden, groteske, traurige Wendungen nehmen, dann nämlich, wenn der Autor seine einzige große Liebe verrät, das, was nur ihn zum Liebhaber (zum Leser) haben dürfte, anderen Leuten (und Lesern) zuwünscht und so den Kuppler spielen möchte. Das ist dann selbst wieder der Moment, welcher Stoff für Bücher und Filme abgeben könnte.

Die Kamera zum Beispiel rückt des Dichters Briefkasten ins Bild: Ablehnung um Ablehnung flattert her aus den Lektoraten; die Verlage bedauern "leider": "Da ich aber als Verleger ja gerade an eine größere Leserschaft denken muß..." Oder aber auch: "Die schön rücksichtslose Konsequenz, mit der Sie das aleatorische Prinzip als Erzähler pflegen, erfordert einen Leser von geradezu heroischem Durchhalte-Ethos, einen irrsalseligen Odysseus im Letternmeer – an dessen Existenz längst kein Buchhändler mehr glaubt."

Selbst Hanser sagt – trotz Michael Krügers Fürsprach’ – nein. Suhrkamp auch, und alle Verlage, alle. Großaufnahme: Jetzt zeigt uns die Kamera den verzweifelten Liebhaber, wie er reuig sein Geliebtes mit ins Grab nimmt; dann ein Zwischentitel: "Hundert Jahre später"; Forscher graben die beiden aus; entzücktes Lächeln auf Archäologengesichtern: "Aber das ist ja, schau’n Sie, meine Herrn: Literatur." Und irgendwer murmelt: "Joycesch, Arno-Schmidtsch, hm, liest sich hübsch." Schöner Traum vom späten Ruhm. Der ist ausgeträumt für –