Von Joachim Nawrocki

Die DDR-Führung hat das Jahr 1982 als "Schlüsseljahr für die Erfüllung des laufenden Fünfjahresplans" bezeichnet. Doch scheint es mit diesem Jahr nicht besonders gut zu stehen. Bei einer Tagung der Rostocker SED-Bezirksleitung wurde Anfang Oktober gefordert, es müsse "kompromißloser um die unbedingte Erfüllung des Volkswirtschaftsplanes 1982" gekämpft werden.

Ähnliche Forderungen klingen aus allen Teilen der Republik, nachdem die wirtschaftlichen Ergebnisse des ersten Halbjahres alles andere als rosig sind. Aber wenn von den Ursachen der betrüblichen Lage die Rede ist, dann werden vor allem "die Auswirkungen des Wirtschafts- und Handelskrieges des Imperialismus gegen den Sozialismus" genannt; dies müßten alle Wirtschaftsleiter und Werktätigen erst noch richtig verstehen.

Nun hat die-DDR bei westlichen Banken und Unternehmen für rund 13 Milliarden Dollar (rund 25 Milliarden Mark) Kredit bekommen. Und niemand, außer der Sowjetunion, hat ihr irgendwelche Lieferungen gekürzt. Der Umfang ihres Westhandels hängt lediglich von ihren Liefer- und Zahlungsmöglichkeiten ab. Nach einem Wirtschaftskrieg gegen die DDR sieht das alles nicht gerade aus.

Die Gründe für die schwierige Wirtschaftslage liegen denn auch woanders. Die weltweite Rezession macht sich natürlich auch im Ostblock bemerkbar. Gravierender aber sind die Wachstumshemmnisse, die von der Verteuerung sowjetischer Erdöllieferungen, der hohen Schulden- und Zinslast der DDR und der geringen Produktivität ausgehen.

Das Wirtschaftswachstum war im ersten Halbjahr 1982 nach den offiziellen Daten so langsam wie seit langem nicht und lag in fast allen Bereichen unter den Planzielen. Das produzierte Nationaleinkommen stieg um nur drei Prozent (Plan: 4,8 Prozent), die landwirtschaftliche Produktion ging zurück, der Einzelhandelsumsatz stagnierte trotz steigender Preise, und sogar die dringend notwendigen Investitionen waren deutlich niedriger als in der gleichen Zeit des Vorjahres.

Besonders schlecht schnitten in der Industrie die Bereiche ab, von denen die weitere Entwicklung wesentlich abhängt: Der Maschinenbau sowie die elektrotechnische und elektronische Industrie haben ihre Pläne nicht erfüllt, obwohl die Planziele zuvor schon gesenkt worden waren. Die chemische Industrie litt vor allem unter dem Zwang, um jeden Preis Rohöl einzusparen.