John Seil Cotman – ein glänzender Aquarellist der englischen Provinz

Hand aufs Herz, Kunstfreunde: Wer kennt Cotman? Im Hamburger Ausstellungszyklus „Kunst um 1800“ blieb er eine Randfigur, ebenso im groß angelegten Münchner Panorama englischer Malerei aus zwei Jahrhunderten. Außerhalb der britischen Inseln hat er nie eine Einzelausstellung gehabt: John Sell Cotman, einer der großen Unbekannten der europäischen Malerei des frühen 19. Jahrhunderts.

Er war kein Maler monumentaler Formate oder dramatischer Motive, kein Porträtist der Gesellschaft wie Gainsborough, kein Repräsentant der Landschaft wie Constable, kein Visionär der Farbe wie William Turner. Cotman hat vorwiegend Aquarelle gemalt, kleine Formate, bescheidene Motive. Aber in seinen besten Bildern ist er brillanter, moderner als jeder seiner Zeitgenossen.

Cotmans Leben verlief ohne sichtbare Höhepunkte, so durchschnittlich, daß einer seiner Biographen es „unbefriedigend“ findet: kein strahlender Erfolg, kein tragisches Scheitern. Als er 1842 in London starb, erschien kein einziger Nachruf, nicht einmal in seiner Geburtsstadt Norwich.

Wie Constable und Gainsborough stammt auch Cotman aus East Anglia, jener sanft gewellten, von Flüssen und Kanälen geprägten Landschaft im Südosten Englands. Er war, wie Turner, Sohn eines Friseurs. Im Alter von 16 Jahren, 1798, ging er nach London, kolorierte Stiche für einen Kunsthändler, kopierte Bilder im Haus eines Sammlers; das war seine ganze Ausbildung.

Früh reiste er nach Wales, dem Inbegriff der pittoresken Landschaft. Hier und in Yorkshire entstanden einige seiner schönsten, frischesten Aquarelle. Aber die Old Water-Colour Society in London lehnte ihn als Mitglied ab.

Enttäuscht kehrte er zurück nach Norwich und wurde Zeichenlehrer in der Provinz – „genau das, was ich am meisten fürchtete“.