Von Manfred Sack

Haben sie nun auf einmal keine Visionen mehr? Keine Angst, also keine Hoffnung mehr? Oder wie ist es zu erklären, daß es, wie der Katalog vermerkt, seit einem Dutzend Jahren "keine bemerkenswerten Stadtutopien" mehr gibt? Warum drücken sich Architekten und Künstler statt in Plänen oder phantastischen Zeichnungen nur noch in Kunstobjekten aus und lassen die Sprache wie den Bizeps springen? "Wir haben es satt", schreit die Wiener Gruppe Coop Himmelblau zum Himmel, "Palladio und andere historische Masken zu sehen. Weil wir in der Architektur nicht alles ausschließen wollen, was unruhig macht. Wir wollen Architektur, die blutet, erschöpft, die dreht und meinetwegen bricht. Architektur, die leuchtet, die sticht, die fetzt und unter Drehung reißt" und so sein sollte: "schluchtig, feurig, glatt, hart, eckig, brutal, rund, zärtlich, farbig, obszön, geil, träumend, vernähend, verfemend, naß, trocken und herzschlagend".

Es ist gewiß kein Zufall, daß das monströse, eher verzweiflungsvoll als rüttelnd empfundene Architekturbild dieser Wiener Bau-Künstler aus Holz, Blech und Dachpappe den Schluß der Ausstellung macht, die in Bildern, Plänen, Skizzen und Skulpturen "Stadt und Utopie" vorführt: nach gewaltigen Höhenflügen der Phantasie eine Bruchlandung. Aus der Traum. Utopia untergegangen wie die Sonne.

Also war endlich Zeit für eine Utopien-Revue. Sie ist, vom Neuen Berliner Kunstverein zusammengetragen und in den drei Eugen der Staatlichen Kunsthalle vis-à-vis der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche ausgebreitet, ein faszinierendes Ereignis, dessen Reiz man gewiß auch dem Einfall zugute schreiben kann, sie nicht chronologisch aufzureihen, sondern in Motiven zusammenzufassen.

Das Leitmotiv des großen Themas ist, was Wunder, der babylonische Turm, "des Spitze", wie im 1. Buch Mose mitgeteilt, "bis an den Himmel reiche, daß wir uns einen Namen machen": Jede Zeit hat nach ihrem Vermögen daran mitgebaut, ihn nimmermüde neuerfunden, die Spiralenwege anders hinaufgewunden, ihn dicker, schlanker, stetig höher erdacht und nach eigenen Vorstellungen mythisch ausgestattet. In Berlin findet die Sequenz über das Urbild des Wolkenkratzers ihren richtigen Schluß in Frank Lloyd Wrights gigantischem nadelspitzen Turm – eine beinahe babylonische Vision, die unlängst als Skulptur neu nachgedacht worden ist: als eine quadratisch aufwärtsrückende Spirale, deren Rampen immer steiler, die Stufen unüberwindlich werden – eine philosophische Etüde.

Jedoch, Babylon bleibt gegenwärtig, in der Erinnerung bewahrt als der niemals zu vollendende Versuch, Mensch und Haus und Stadt in eine Ordnung zu bringen, die haltbar ist. Vom Altmeister Vitruv angefangen, im Mittelalter weiter gedeutet, in der Renaissance artistisch verfeinert und bis in den Klassizismus in andere Gedanken gefaßt, waren Menschen unentwegt darum bemüht, das Leben geometrisch zu fassen – in einfachen, übereinandergelegten, zu Sternen vervielfältigten Quadraten mit immer mehr Ecken und machtvolleren Zentren, in einfachen und ineinandergeschobenen Kreisen oder in Sektoren: trotzige Anstrengungen, sich dem Ideal ein Stückchen näher zu fühlen.

Nach der Jahrhundertwende schienen ihm die Prediger der besseren Stadt als dem Gehäuse einer befreiten, freundlicheren Gesellschaft dicht auf den Versen zu sein. Hatte nicht Ebenezer Howard, von den Hinterhofslums erschreckt, in England den Traum seiner friedlichen Gartenstadt bauen dürfen? Und war nicht der Franzose Tony Garnier dem Ziel der realistischen Utopie einer menschlichen Industriestadt zum Greifen nah?