ARD, Sonntag, 31. Oktober: "Egmont" von Goethe, Regie: Franz Peter Wirth

Am Abend des 31. Oktobers spielte die ARD ein Stück, das mir bekannt vorkam. Es hieß "Egmont". Als Verfasser wurde Goethe gekannt, aber das war offensichtlich ein Irrtum. Zwar kamen durch die Bank Goethesche Sätze zur Darbietung, doch waren sie in einem Puzzle geordnet: hier ein Eckchen, dort ein Eckchen, da ein paar Steinchen zuhauf und dazwischen gewaltige Lücken.

Egmonts Monolog im Gefängnis: Den ließen sie weg, die Herren Bearbeiter, die Musik von Beethoven natürlich auch: die Siegessymphonie am Schluß, die Freiheitsvision auf dem Lager – fort, fort damit, der Sparhaushalt wollte seine Opfer.

Gottlob, daß jedenfalls das Lied Glücklich allein ist die Seele, die liebt zitiert werden durfte: zwar nicht als gesummter Gesang und auch nicht im Gespräch zwischen Klärchen und ihrer Mutter, dafür jedoch in Egmonts Schoß und im Freien. Das Drama war schon weit fortgeschritten, das Goethen entlehnte, als Klärchen in malerischer flandrischer Landschaft ihre Verse aufsagen durfte – und siehe, ihr prinzlicher Freund sprach den Refrain.

Das gab’s überhaupt häufig in diesem Stück: daß sich die Schauspieler den bei Goethe für einen einzigen vorgesehenen Text aufteilen durften. Kleinst-Stücke mit verteilten Rollen; wo Klärchen redet, da darf Egmont auch einmal – und nicht nur er! Wenn Herzog Alba, nach der Mitteilung, daß Oranien nicht käme, seinen Monolog spricht (leider hatte der große Rolf Boysen, der auch in diesem kuriosen Stück ein überzeugender Schauspieler blieb, mit geschlossenen Lippen zu reden), dann schreckt er gegen Ende bekanntlich hoch, weil er ein Geräusch zu hören glaubt, und tritt ans Fenster: "Er ist es! Egmont!"

Nun, so geht das natürlich nicht: Diese vier Wörter müssen selbstverständlich zwei Leute sprechen, einer aus Albas Gefolge, der schließlich auch beschäftigt sein möchte, und der Herzog selbst. Also sagt der Dienstmann: "Er ist es!", und Alba fügt hinzu: "Egmont!"

Freilich können sich, so getadelt, die Bearbeiter auf das illustre Beispiel Schillers berufen und einwenden, daß der Großmeister im Text nicht minder gewütet hätte – streichend, hinzufügend, umstellend – als die zwei Fernseh-Nachdichter. Das ist richtig – nur, daß Schiller eine Konzeption hatte (Egmont als Freiheitsheld), während die in seinen Spuren wandelnden Herren eben diese Konzeption verschenkten.