Die Auftritte hatten die Berater des amerikanischen Präsidenten sorgfältig vorbereitet, den Zeitpunkt mit Bedacht gewählt. Wenige Tage vor den Kongreßwahlen wollten sie Ronald Reagan noch mal ins rechte Licht rücken. Reagans Republikaner brauchten jede Stimme.

Erst machte der Präsident einer Gruppe mittelständischer Unternehmer Mut, versicherte ihnen, daß der Aufschwung nahe sei. Reagan: "Die Sonne taucht am Horizont auf", und "Wir halten den Kurs." Die Kleinunternehmer waren’s zufrieden und applaudierten wie erwartet, obwohl der Präsident mit seinem Optimismus allein auf weiter Flur steht. Die Notenbank und nahezu sämtliche renommierten Ökonomen schätzen die wirtschaftliche Entwicklung in den Vereinigten Staaten weit pessimistischer ein als Reagan. Aber schließlich ist es der Präsident, der Stimmen braucht.

Unterstützung versprach da ein Mann, mit dem er wenige Stunden nach dem Empfang der Mittelständler vor die Kameras treten wollte: George Stigler, frisch gekürter Nobelpreisträger für Wirtschaftswissenschaften. Von Stigler erwarteten die cleveren Präsidentenberater keine der Popularität ihres Dienstherrn abträglichen Äußerungen. Schließlich eilte dem konservativen Ökonomen der Ruf des konsequenten Kämpfers für die freie Marktwirtschaft voraus. Überdies unterstützte Stigler energisch die vom Präsidenten betriebene Entbürokratisierung der öffentlichen Verwaltung, die immer mehr zu einem Wachstumshindernis für die Wirtschaft geworden ist.

Alles verlief planmäßig. Händedruck zwischen Präsidenten und Nobelpreisträger, die Kameras klickten und surrten, Reagan hatte einen wählerwirksamen Auftritt. Doch kaum war Stigler aus der Obhut des Präsidenten entlassen, wich er vom Drehbuch ab. Vor den Fernsehkameras beurteilte er die wirtschaftliche Lage ganz anders als Reagan: "Wir stecken in einer Depression, die genauso ernst ist wie die in den dreißiger Jahren." Die Wirtschaftspolitik des Präsidenten bezeichnete er als Masche und die dahinterstehende Theorie der Angebotsökonomie als Schlagwort. "Aber Schlagworte gehören zu den wichtigsten Produkten Washingtons", fügte Stigler hinzu.

Nach der ökonomischen Kompetenz des Präsidenten befragt, ging Stigler erst mal auf Distanz. "Ich bin Akademiker. Wenn ich ihn beurteilen müßte, bekäme er keine Höchstnote, vielleicht ein Unmal sehen, was in den nächsten Jahren passiert."

Reagans Beratern war’s genug. Sein Pressesprecher Larry Speates tauchte an der Tür des Pressezimmers auf und gab einem Helfer ein Zeichen, die Vorstellung zu beenden. Stigler, die Wangen vor Aufregung gerötet, ließ sich zur Tür geleiten. Die Wahlwerbung des Präsidenten hatte er gründlich verpatzt.

Peter Christ