Von der kräftigen Zinssenkung hat der deutsche Aktienmarkt bislang nicht profitiert. Seine Kurse liegen nur noch um rund zehn Prozent vom diesjährigen Tiefstand entfernt. Das ist sicherlich zum Teil auf die ungünstigen Konjunkturnachrichten und auf die Schwierigkeiten vieler deutscher Unternehmen zurückzuführen, mit denen die Aktionäre täglich konfrontiert werden.

Da in den USA die wirtschaftliche Situation nicht viel besser ist, dort aber die Aktienkurse unmittelbar nach der eingeleiteten Zinssenkung förmlich explodiert sind, muß es Gründe geben, warum in der Bundesrepublik anders reagiert wird. Sie liegen auf der Hand. "Eine schwere Hypothek ist die Ungewißheit, wie es innenpolitisch weitergeht", konstatiert die Bethmann Bank in Frankfurt in ihrem jüngsten Börsenbericht So lange die Gefahr besteht, daß nach der für März projektierten Bundestagswahl eine von den "Grünen" tolerierte SPD-Bundesregierung das Zepter in die Hand nehmen wird, dürfte es schwer sein, Interessenten für deutsche Aktien im In- oder Ausland zu gewinnen.

Hinzu kommt, daß die von der Bundesregierung geplante Zwangsanleihe gerade jenen Personenkreis treffen wird, der sich normalerweise auf dem Aktienmarkt engagiert. Das Nachfragepotential wird auf diese Weise um etliche Milliarden Mark jährlich eingeschränkt. Dies natürlich nur theoretisch, denn ehrlicherweise muß zugestanden werden, daß diese ohnehin nur zu einem kleinen Teil in die Aktien geflossen wären. Bei dem engen deutschen Aktienmarkt zählen aber schon fehlende hundert Millionen.

Daß unter den erschwerten Verhältnissen von den Vermögensverwaltern und Versicherungen nur Spitzenwerte erworben werden, liegt auf der Hand. Für Problem-Aktien ist in den meisten Fällen kein Platz mehr. Sie werden den eigentlichen Spekulanten überlassen, die mit ihnen kurzfristig Kursgewinne zu erzielen hoffen.

Die monatelangen Diskussionen über die Schwierigkeiten in der Stahl-Industrie haben die Aktien der Branche in Verruf gebracht. Selbst Mannesmann bekommt das am Kurs seiner Papiere zu spüren, die sich wieder ihrem niedrigsten Stand in diesem Jahr genähert haben. Dabei geht es dem Unternehmen selbst keineswegs schlecht. Aber niemand fragt nach 1982; alle blicken vielmehr auf 1983 und damit ins Dunkle.

Sorgen machen sich die Börsianer auch um Hapag-Lloyd. Seit Jahresbeginn ist hier der Kurs um rund 36 Prozent auf 38 Mark gefallen. Für die Großaktionäre würden das – bleibt bis zum Jahresende eine Erholung aus – neue Abschreibungen bedeuten. Für 1982 wird bei Hapag-Lloyd Verlust von mehr als 100 Millionen Mark erwartet. Er dürfte sich zwar durch Buchgewinne aus dem Verkauf von Schiffen und Flugzeugen reduzieren lassen. Damit geht jedoch das Ausbluten der Gesellschaft weiter; eine Trendumkehr ist nirgends zu erkennen.

AEG-Telefunken, Problem-Aktie Nr. 1, hat auf die Eröffnung des Vergleichsverfahrens erwartungsgemäß nicht reagiert. Für Neuengagements besteht keine Veranlassung, denn niemand vermag abzusehen, wie die AEG nach Abschluß des Vergleichs aussehen wird. Auf der anderen Seite haben jene, die einen Anschlußkonkurs für möglich halten, längst ihre AEG-Aktien abgestoßen. K.W.