Während Gewerkschafter zu Tausenden auf die Straße gingen und mit ihrem Protest gegen die Spar- und Wirtschaftspolitik der Kohl-Regierung große Wagner-Oper intonierten, warf Bundesbankpräsident Otto Pöhl das Stichwort "Konzertierte Aktion" in die Debatte, jenes Kammerorchester, das der einstige Bundeswirtschaftsminister Karl Schiller geschaffen hatte und das vor fünf Jahren mit einem dissonanten Ackord endete.

Die Absage vom DGB kam prompt. Wagnersches Donnergrollen und Sturmgebraus müssen wohl erst ausklingen, bevor die Stunde der Kammermusik gekommen ist.

Und welches Stück soll die Konzertierte Aktion eigentlich spielen? Die Partitur der Lambsdorff-Thesen, die als Scheidungsurkunde der sozial-liberalen Koalition in die Geschichte der Bundesrepublik eingegangen sind? Oder Norbert Blüms Impromptu über die Lohnpause? Oder Variationen über den Evergreen der Arbeitgeber, den Tabu-Katalog? Oder Marschmusik nach der Melodie des DGB-Beschäftigungsprogramms? Die Noten der möglichen Orchestermitglieder ergäben ein schrecklich dissonantes Konzert.

Dabei war – um in der Zitatengeschichte noch weiter zurückzugreifen – "die Lage noch nie so ernst". Und deshalb wäre auch eine Konzertierte Aktion so dringlich wie nie zuvor. Doch erst müssen die Instrumente gestimmt und das Grundthema für das Konzert festgelegt werden.

Nach Lage der Dinge kann dies wohl nur die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sein, nachdem die Zanl der Arbeitslosen im Oktober fast die Zwei-Millionen-Grenze – und damit einen neuen, traurigen Rekord – erreicht hat.

Voraussetzung für ein gedeihliches Zusammenspiel ist allerdings, daß alle bereit sind umzudenken. Das heißt vor allem Abschied zu nehmen von jenem Rezept, das noch immer in den Köpfen vieler Wirtschaftspolitiker herumspukt, und das Fernsehkommentator Rudolf Mühlfenzel mit staatsmännischem Gestus vor der Kamera verkündete: "Da hilft nur eines: Wachstum, Wachstum, Wachstum."

Da muß vor allem dem Volk die Wahrheit gesagt und nicht so getan werden, als seien die fünfziger Jahre wiederholbar. Ohne Krieg oder eine ähnliche zerstörerische Katastrophe wird es keine Wiederholung der bewundernswerten Aufbauleistung mit ihren phantastischen Wachstumsraten geben. Nein, die Verhältnisse sind nicht so – und sie sollen auch nicht wieder so werden.