ARD, Donnerstag, 11. November, 16.15 Uhr: "Frauengeschichten – Petra Kelly", Film von Helmuth Weiland.

Eine Frage von nationaler Bedeutung wird nun wohl für immer ohne Antwort bleiben: Hat der Reporter Eser während einer Fernsehdiskussion der Politikerin Petra Kelly "gönnerhaft das Knie getätschelt" oder hat er nicht? Eine Zeitung hat es so berichtet, Petra Kelly und ihre Großmutter lesen es staunend, auf einer Zugfahrt.

Wie auch immer: Helmuth Weilands Film, der die Szene im Zuge zeigt, tritt Petra Kelly nicht gönnernd und nicht tätschelnd entgegen, sondern ganz einfach freundschaftlich, was gar nicht so einfach ist.

Am Anfang erschrickt man noch ein wenig, wenn der Reporter, ein wuchtiger, bärtiger Mann, die Hemdsärmel hochkrempelt, mit Petra Kelly im Speisewagen sitzt, die beiden sich duzen; aber eine Kumpanei zwischen Porträtist und Porträtierten entsteht dann nicht daraus. Behutsam und nicht aufdringlich professionell beschreibt Weiland ein erstaunliches Leben – weit weg ist sein Film von der routinierten Devotion, der geläufigen Häme der beamteten Bonner Fernsehberichterstatter (eine Pygmäen-Republik des Journalismus, in der ein Nowottny dann schon wie Karl Kraus leibhaftig aussieht).

Die Stationen einer Biographie: Petra Kelly vor dem Elternhaus, vor der Klosterschule. "Wie die Zucht, so die Frucht", hat man ihr hier gepredigt, und davon, sagt sie, sei sie immer noch geprägt. "Eine weltliche Nonne" nennt sie der Autor und berichtet verwundert und besorgt von ihren fast schon selbstzerstörerischen Anstrengungen bei der Arbeit für ein anderes, nicht mehr zerstörerisches Leben "Politik muß Nächstenliebe sein", sagt Petra Kelly, sie hofft auf eine "Kultur des politischen Eros" – und erlebt, wie weit weg das noch alles ist, auf ihren strapaziösen Eisenbahnreisen zwischen dem Brüsseler Arbeitsplatz und der Kohl-Republik, bei ihren Zusammenstößen mit den "Rasierwasser-Beamten" in der EG oder mit zeternden Diskutanten im bayerischen Wahlkampf.

Eine Frau bei der Männersache Politik, vom Haß der Männer verfolgt, von ihrem Wohlwollen bedrängt, was ist ärger? Robert Jungk macht sich Sorgen, "daß sie sich in Stücke reißen läßt, daß sie zum Markenartikel wird", Joseph Beuys, ein bißchen affig, erklärt sie zum Kunstwerk und sagt dann glühend: "Viele möchten, daß Petra Kelly mal stoppt, aber sie stoppt nicht, Gott sei Dank." So hat er sein Heiligenbildchen; was aus dem Menschen wird, ist nicht so wichtig.

Stationen einer Biographie: Petra Kelly am Grab ihrer Schwester (die mit zehn Jahren an Augenkrebs starb), Petra Kelly mit ihrer Großmutter – mit der sie eben nicht bloß gemütlich Kaffee trinkt wie unsere Politiker (just, wenn’s Fernsehen kommt); die sie, rabiat und zugleich zärtlich, zu ihrer wichtigsten Mitarbeiterin gemacht hat.