Von Esther Knorr-Anders

Wer die Hoffnung, gar den Wunsch hegt, in Österreich auf Bekannte aus Deutschland zu stoßen, der muß nur in Salzburg die Getreidegasse auf und ab wandern. Er kann sicher sein, in kurzer Zeit geschieht es: Im argen Gewühl drängt sich jemand dem Schlendernden entgegen, plötzlich wird er jubelnd umarmt – unter lebhafter Anteilnahme der Passanten. Wen Begrüßungsspontaneität nicht so recht mitzureißen vermag, wird auf Flucht sinnen. Fluchtwege bieten die einzigartigen "Durchhäuser", ihre Innenhöfe, Bogengänge. Sie könnten allesamt Märchenbehausungen nachgestaltet sein. Die Durchgänge der Häuser mit geraden Zahlen führen zum Griesviertel an der Salzach; die Häuser mit ungeraden Nummern münden auf den Universitätsplatz.

Die leicht gebogene Gasse mit den hohen, schmalen, aber sehr tiefen Bauten beginnt am Rathausplatz. Man geht, sofern man von der Salzach heraufkommt, direkt auf das Haus Nr. 1 zu. Das Nummernschild, weißer Grund mit rotem Rand und schwarzer Ziffer, ist nicht zu übersehen. Von dieser Stelle aus überschaut man fast die gesamte Gasse. Zwei Reaktionen sind möglich: ein Blick – und wegrennen. Oder: sekundenlang verharren – und sie dann stundenlang durchstreifen. Bei letzterem Entschluß darf man sich weder vom Krach stören lassen noch das Geruchsgebräu aus Zimt, Schokolade, Marinade, Fisch, Bratwürsten, Knoblauch als Belästigung empfinden. Das "Bad in der Menge" muß in Kauf genommen werden. Bei Entzückensschreien wie "Ach, guck doch mal", "Very nice", "Huch, da wird’s dunkel", "Der Mozart war schon, wer" zuckt man nur das erstemal zusammen. Gewöhnung tritt ein.

Noch stehe ich am Eingang der mittelalterlichen Gasse. Mit "Getreide" hat ihr Name nichts zu tun. 1150 wurde sie "Trabgasse" genannt, das soll von "trabig" (schnell, rührig) kommen. Im Laufe der Zeit wurde daraus Trav- und Traidgasse und schließlich "Getreidegasse". Ihr ältestes erhaltenes Haus, Nr. 21, stammt aus dem Jahr 1258. Es folgen die Häuser. 18, 20, 22 aus dem Jahr 1286 und aus Nr. 39 aus dem Jahr 1407. Die Dächer sämtlicher Häuser bleiben dem Blick verborgen. Es sind sogenannte "Grabendächer", eine spezifisch salzburgische Bauweise. Sie wurde aus Feuerschutzgründen entwickelt. Man kann über die Dächer von Haus zu Haus gelangen. "Aus der Brandzone kommen Sie immer raus", erwiderte mir der Rezeptionschef, als ich zum 5. Stock des verwinkelten Hauses hinaufstieg. Er machte mich auf die eiserne Tür aufmerksam, die zum Dachgeführt. Um 23 Uhr war sie jedoch abgeschlossen. Trost vermittelten die dicken Mauern, die Marmorstufen und die Tatsache, daß der "Elefant" schon Gästehaus eines längst verblichenen Kirchenfürsten gewesen war. Nie passierte etwas...

Ich gehe in die Gasse hinein, die von funkelnden Zunftschildern überhangen wird. Die Schilder zeigen Posthörner, Kringel, Räder, Reben und Weintrauben. Alte, kunstvoll gestaltete hängen neben Neuschöpfungen von plumper Machart, Das Gewerbezeichen des "Sternbräus" ist wohl das schönste. Jedem fällt es auf. Vor lauter Gold läßt sich zunächst nichts erkennen. Doch bald trennt das Auge Stern und Kugeln, Krone und roten Baldachin vom Rankengewirr der Halterung.

Haus Nr. 3 wurde 1750 erbaut. Über dem Portal ein Strahlenkranz, in dem ein Auge schimmert. Lettern verkünden: "Gottes Auge schütz’ dies Haus, und was da gehet ein und aus." Ich betrete den Anfang des Durchgangs. Das Gewölbe liegt im schummrigen Licht. Eine Walfischrippe ist an der Decke befestigt, an der Rippe wiederum ein kleiner, getrockneter Haifisch. Vor rund 200 Jahren schätzten Apotheken und Drogerien, vorzüglich deren Kundschaft, solcherlei Exotika. Ein Stück weiter öffnet sich der von Sonne überflutete Innenhof. Winzige Läden, ehemals Handwerksbetriebe, füllen ihn aus. Rosa Geranien hängen von den Arkaden der Stockwerke herunter. Eine Madonna mit dem Knaben schaut von der Wand. Die Zeit löscht aus. Gelächter schallt von der Getreidegasse und von der anderen Seite, dem Universitätsplatz, zum Hof herein. Da man die Straßengänger in ihrem zeitgemäßen Habit nicht sieht, bleibt es gleich, ob wir das Jahr 1750 oder 1982 schreiben. Wir könnten uns auch im Jahre 1860 befinden. "In diesem Hause arbeitete der deutsche Sozialistenführer August Bebel als Drechslergehilfe", heißt es auf einer Tafel über einem Mauerbogen. Es muß in einem der Läden gewesen sein. Salzburger Lebkuchenherzen sind derzeit zu kaufen, Konfekt, die unvermeidlichen "Mozartkugeln", "Gewürzsträucher". Einen größeren Laden unterhalten die Nachfolger des "Lebzelters und Wachsziehers Franz Weber". Sie sind bei der Herstellung von Kerzen aller Art geblieben: Taufkerzen mit Lebensskala, "Auf Wunsch gravieren wir Namen und Datum ein"; Hochzeitskerzen zeigen verwobene Ringe; für das Ende eines Lebens sind "geweihte Grabkerzen" erhältlich.

Es wäre müßig, die Getreidegasse in ihrer Eigenschaft als Geschäftsstraße aufzusuchen. Juwelen, Antiquitäten, Trachtenkleidung und (wunderschöne) Kunstblumengestecke gibt es in den ruhigeren Straßen Salzburgs in jeder Menge. In ihrer Eigenschaft als der Nachwelt begreifbares Stimmungsbild, als Vermittlerin der sozialen und emotionalen Geschichte ihrer einstmaligen Anwohner ist die Getreidegasse jedoch unersetzbar. Der Hochadel wohnte nicht gern in der "Bürgerstadt", zu der die röhrenartige Gasse gehörte. Bürgersinn aber schreckte davor zurück, erworbenes Vermögen zur Schau zu stellen. "Darum gibt es kein einziges Privathaus in der Stadt, das sich von den anderen – es sei denn durch intime bauliche Details – wesentlich unterscheiden würde. Jeder, der gerade etwas übrig hatte, verbaute es lieber ins Innere seines Hauses, als daß er nach außen hin vor den anderen aufgetrumpft hätte", so der Historiker Bernhard Baumgartner. Das erklärt die Innenschönheit der Durchhäuser: Brüstungen, Stützpfeiler, Treppen aus rötlichem Untersberger Marmor; schmiedeeiserne Türen, Geländer, Kandelaber bis ins oberste Stockwerk hinauf. Dieser Aufwand war möglich durch eine bemerkenswerte Rechtsgrundlage, nämlich das "Salzburger Stockwerkseigentum". Die auf "gemeinsamer Grundfläche, unter gemeinsamer Dachung" befindlichen "Böden" (Stockwerke) konnten einzeln erworben, verkauft und vererbt werden.