Von Ben Witter

In dem halb offenen Wandschrank liegen drei Fußbälle auf einer abgekippten Reihe von Bildbänden. Die Brücken und Teppiche können noch keine Vergangenheit verraten, und wer die in zwei Zimmerecken hinter Glas ausgestellten Tassen und Teller sieht, möchte gleich Kaffee trinken und es sich gemütlich machen. Aber die Blumentapete fordert immer wieder zur Mustersuche heraus, und das schwülstige Rot der Polstergarnitur hält wach.

In Gedanken legt der stets abzählende Wolfgang Mischnick wohl manchmal seine Hand über das längliche Haus in Kronberg im Taunus und sagt sich: Das gehört nun alles uns. Wegen seines hochgestimmten Familiengefühls würde er auch nie mehr in ein Kabinett gehen und in Bonn Residenzpflicht übernehmen. Und wenn er Bücher auch nicht vermißt, sein Archiv sagt ihm alles. Es steckt in achtzig Leitz-Ordnern, und nichts bringt er, daraus genüßlicher zum Vorschein als Fakten. "Meine Frau verwaltet das Archiv", begann Mischnick. "Sie wurde 1946 in Dresden meine Sekretärin in der Liberal-Demokratischen Partei und trat sofort in die Partei ein. Ich war Jugendreferent." Sie hantierte im Nebenzimmer, und er warf einen dankbaren Blick auf die offene Tür.

Die Weide unterhalb des Hauses gehört ihm nicht. Ein Pferd graste da in der äußersten Ecke. "Man könnte darauf auch Fußball spielen", sagte ich, weil das ja sein Lieblingssport ist. Doch er redete nicht vom Fußball, blieb noch bei seinem Archiv, sah sich auf einmal wieder als Oberhorden-Führer im Deutschen Jungvolk. "Ich bin gleichzeitig Kassenverwalter gewesen. Im Umgang mit Zahlen fühlte ich mich damals schon sicher, und das Jungvolk erschien mir wie ein besserer Turnverein in Uniform, fast identisch mit der Schule."

Eines nach dem anderen: "Das Abitur hatte man mir, bevor ich Soldat wurde, ohne Prüfung zuerkannt. Ich wollte eigentlich Flugzeugingenieur werden, aber nach dem Krieg ließ man mich nicht studieren. Ich kehrte als Leutnant zurück und ging am Stock. Und wäre der Granatsplitter zwei Zentimeter tiefer gegangen, gäbe, es auf meiner Oberlippe keinen Einschnitt; ich hätte eine Hasenscharte. Ich war vorgeschobener Beobachtungsposten.

Er wollte gründlicher werden und griff dabei in die Tasche. "In Rußland habe ich mir auch den Bronchialkatarrh geholt, und nun habe ich überall meine ‚Kanone‘ dabei. Die kleinste Erkältung kann gefährliche Folgen haben."

Ich sagte, wer von Erinnerungen überfließt, kann seinen Dialekt nicht verleugnen. Mischnick ließ keinen sächsischen Laut mehr durch: "Aber trotz der Verwundungen und meiner Flucht im Jahre 1948 von Dresden nach Frankfurt am Main, ich hatte immer das Gefühl, du schaffst es. Selbstvertrauen und Gläubigkeit, präziser: das In-sichselbst-Ruhen, damit kam ich voran."