Von Fritz J.Raddatz

Lang, sehr lang ist’s her, daß ein abgerissen und verhungert aussehender, schnauzbärtiger junger Mann während der Lesepausen auf den Tagungen der "Gruppe 47" aus einer großen Pappmappe seine Zeichnungen anbot: Der Gast bestritt damit seine Reisekosten, denn er hatte kein Geld. Das war das Debüt des Günter Grass, und dem verdankt zum Beispiel Wolfgang Hildesheimer noch heute seine schöne Sammlung Grass’scher Zeichnungen und Graphiken, weil – auch er eine Doppelbegabung – er dem jungen unbekannten Kollegen half.

Die wohl allererste öffentliche Kenntnisnahme des Schriftstellers Grass findet sich im Tagesspiegel vom 17. 5. 1955, wo er noch als junger Berliner Bildhauer vorkommt: "Einen neuen, als ‚kräftig, vital und bravourös‘ apostrophierten Ton brachten die Gedichte des Berliner Bildhauers Günter Grass."

Tatsächlich liegt mit dem jetzt erschienenen Buch

"Günter Grass – Zeichnungen und Texte 1954-1977"; Band I der Reihe "Zeichnungen und Schreiben. Das bildnerische Werk des Schriftstellers Günter Grass", herausgegeben von Anselm Dreher, mit einem Nachwort von Sigrid Mayer; Luchterhand Verlag, Darmstadt, 1982; 134 S., 158,– DM

die ausgezeichnete Dokumentation eines bislang wenig beachteten Elements der Grass’schen Produktion vor: Zumindest Lyrik und zeichnerische Arbeit (auch graphische) hängen ganz eng miteinander zusammen, bedingen sich gegenseitig. Ein Mißverständnis wäre es, wollte man etwa Grass’ erste Publikation, den Lyrikband "Die Vorzüge der Windhühner", als ein lediglich von ihm illustriertes Buch sehen; ein genauer Blick legt frei, daß die Grass’sche Lyrik stets eng und unmittelbar mit seinen bildnerischen Arbeiten in Beziehung steht. So setzt der Herausgeber Anselm Dreher sehr überzeugend etwa die Zeichnungen "Amseln" aus dem Jahr 1961 zu diesem Litaneien-Gedicht:

schwarz, / regenschirmschwarz, / priesterschwarz, / witwenschwarz, / schutzstaffelschwarz, / schultafelschwarz, / falangeschwarz, / amselschwarz, / othelloschwarz, / ruhrschwarz, / veilchenschwarz, / tomatenschwarz, / zitronenschwarz, / mehlschwarz, / milchschwarz, / schneeschwarz.