Von Heinz Klunker

Macht besitzen wollte er auf keinen Fall, nicht einmal über die Arbeitsleistung von drei Knastkumpel hatte er herrschen wollen. Nie wieder, wenn er erst draußen war, wollte er sich einen Teil der Gewalt zu Lehen geben lassen, auf daß er heraufgehoben wäre und fallengelassen werden könnte, gehorchte er denen über ihm nicht mehr.

Erich Loest

Ob es zwei deutsche Literaturen gäbe angesichts zweier deutscher Staaten und wenn ja, warum nicht sein könne, was nicht sein darf, wenn aber nein, warum dennoch beide sichtbar auseinanderdrifteten – der politischen Opportunitäten gehorchende Streit um diese griffige These, durch die Ausreise- und Ausbürgerungspolitik der DDR-Behörden gegenwärtig hörbar ermattet, hat eine offenkundige Tatsache immer wieder verhüllt: daß es in beiden Deutschlands auch für deutsche Literatur zwei Märkte gibt. Die frühe "Blechtrommel" von Günter Grass hat die Marktchance für das spätere "Kindheitsmuster" von Christa Wolf in der Bundesrepublik beträchtlich geschmälert; das Produkt "Literarische Vergangenheitsbewältigung mit Polen" war, auch im Gefolge der sozial-liberalen Ostpolitik, nicht mehr gefragt, wobei allerdings hinzugefügt werden muß, daß Christa Wolfs Roman in diesem Land ohne antifaschistischen Grundkonsens ohnehin nie hätte populär werden können.

Der Markt für die Bücher von Erich Loest, der nun seit über einem Jahr als Opfer "kalter Ausbürgerung" (sein Dreijahresvisum erlischt auch bei zwischenzeitlicher Rückkehr) in der Bundesrepublik lebt, ist die DDR. Aber dieser Markt darf nicht funktionieren: Loests Leipzig-Roman um den Anti-Helden Wolfgang Wülf, der sich jeder Karriere verweigert, weil sie Macht über Menschen im Gefolge hat, der sich also aus der DDR-Gesellschaft hinausverweigert – dieser in Bibliotheken auf Jahre ausbuchte, in Kleinanzeigen der Regionalpresse gesuchte Schlüsselroman zum Verständnis der Realität des realen Sozialismus "Es geht seinen Gang oder Mühen in unserer Ebene" erlebte zwei hektisch verkaufte Auflagen und ist seit fast zwei Jahren vom Markt, obwohl das Bedürfnis nach dem Buch nicht annähernd befriedigt wurde. "Man könnte in der DDR auf einen Schlag fünfzigtausend verkaufen", bot der Autor jede Wette an. In der Bundesrepublik hat es sich als schwierig erwiesen, eine Zehntausender-Auflage (bei der DVA erschienen) unter die Leute zu bringen, auch die Taschenbuch-Ausgabe (bei dtv) geht nur mählich, obwohl es doch auch eine Fernseh-Version der Wülf-Geschichte gab. Doch so genau will der Bundesbürger offenbar gar nicht wissen, wie die in die politische Parole entwirklichten "Brüder und Schwestern" mit sich und ihrem Sozialismus zurechtkommen. Es geht schon seinen Gang in Deutschland.

Loests literarische West-Karriere begann als Preisträger. Als sei er eigens für ihn erfunden, bekam er im Juni 1981 in Neumünster den zum erstenmal verliehenen Hans-Fallada-Preis; die Laudatio hielt dem nun ehemals Leipziger der frühere Mit-Leipziger Hans Mayer. Der Ausgezeichnete, von der ost-westlichen Preislawine bislang verschont, hatte erst einmal eine Hoffnung zu begraben: sein erster Preis, räsonierte er resigniert, hätte eigentlich der Kunstpreis der Heimatstadt (des Mittweidaer Sachsen) Leipzig sein sollen. Und weiter: "Ein Preis für soziales Engagement und für Verständlichkeit von Literatur – ich sollte meinen, er sei für mich maßgeschneidert. Ich könnte vermuten, er sei obendrein für mich in diesen Wochen geschaffen, da ich zum drittenmal eine literarische Laufbahn beginne. Einmal tat ich das als jugendlicher Naivling, dann als gebrannter Mann, nun wiederhole ich es unter angespannten, auch spannenden Bedingungen."

Er kam mit einem Manuskript, für dessen Publikation in der gegenwärtigen DDR nicht der Hauch einer Chance besteht und in dem er Rechenschaft gibt darüber, wie der jugendliche Naivling zum gebrannten Mann wurde –