Nun haben wir also, nicht gerade sehnsüchtig erwartet und nicht, daß sie gerade weiterhülfe, eine dritte Theorie für diese unsere Wirtschaftskrise. Denen, die der Meinung anhängen, die Käufer hätten zu wenig Geld (Nachfrage-Theorie) und den anderen, die glauben, bessere Aussicht auf schönere Gewinne bringe die Wirtschaft wieder zum Laufen, gesellte sich in der vergangenen Woche auf dieser Seite als dritter Jörn Kraft hinzu mit der Feststellung: Wir sind mit allem versorgt, woraus folgt, na was wohl: die Krise. Kraft unterscheidet sich damit von den beiden anderen Schulen grundsätzlich: Seine Theorie weist keinen neuen, dritten Ausweg. Für ihn ist es eine Krise ohne Ende.

Schon da könnte man stutzig werden. Wer von Krise redet, hat immer Vorübergehendes im Sinn. Aber vielleicht benutzt er nur das falsche Wort?

Tatsache ist: Die private Nachfrage – mit einem Anteil von 55 Prozent am Bruttosozialprodukt die wichtigste Einflußgröße der wirtschaftlichen Entwicklung – kommt seit Jahren nicht voran. Das rührt daher, daß die Verbraucher von Überfluß- und Statusdenken Abschied genommen haben, sich kritischer, umweltbewußter, in vieler Hinsicht sparsamer verhalten als früher. Dazu kommen sehr schlichte materielle Ursachen: Im dritten Jahr schon hinkt die Einkommensentwicklung den Preissteigerungen hinterher. Obendrein hat noch die Sparneigung leicht zugenommen.

All dies hat natürlich Folgen. Wo rationale und irrationale Reize ausfallen, ist kein Boom zu erwarten. Ganze Märkte sind, großenteils seit zehn Jahren, satt. Wer ein Auto, einen Kühlschrank, einen Fernseher, eine Waschmaschine will, ist bedient. Und er behält die Geräte, da wirkliche Neuerungen selten geworden sind, solange sie eben halten. Mindestens aber länger als früher: Das Auto bleibt heute nicht nur drei, es bleibt vier Jahre in einer Hand.

Hat Jörn Kraft also recht? Beileibe nicht. Er ist, weil er nur einen Ausschnitt betrachtet und den Denkfehler macht, eine Momentaufnahme in die Zukunft zu projizieren, zu kurz gesprungen.

Schon im zu kleinen Ausschnitt stecken Irrtümer. Keine Konsum-Chancen mehr? Die vielen und vielbesungenen Babys der sechziger Jahre werden unvermeidlich erwachsen, auch als Verbraucher. Doch das nur am Rande. Der ganze Ausschnitt taugt nicht als Erklärung. Daß ein schließlich extrem hoher Lebensstandard gehalten wird, mag statistisch als Stagnation erscheinen. In Wirklichkeit ist es Ausweis, auch heute noch, einer gewaltigen Wirtschaftskraft. Aber Krisenursache? Erstaunlich ist eher, daß ein so hoher Verbrauch trotz der Krise sich hält.

Kraft hat also nicht nur den Fehler gemacht, eine komplexe Situation auf ein Motiv zurückzuführen, er wählte auch noch ein gänzlich ungeeignetes. Und ließ dafür passendere, vor allem die strukturellen Anpassungsprobleme der Industrie und die internationalen Schwächen, einfach weg. Zum Beweis ein Zitat: "So einfach und so fatal folgt das eine aus dem anderen, alles Strukturelle einmal abgerechnet." Ja, so einfach läßt sich freilich eine hübsche Theorie zimmern.