Auf einer Veranstaltung des Südfunks Baden-Baden und der ZEIT diskutierte vor drei Wochen eine kleine Runde über das alte und immer wieder aktuelle Thema Europa. Ist die Art, wie wir in Europa bislang zu Werke gegangen sind, um gemeinsame Institutionen zu schaffen, die glücklichste gewesen? War sie von Erfolg gekrönt?

Teilnehmer der Diskussion, von der wir im folgenden die wesentlichen Teile wiedergeben wollen: Heidemarie Wieczorek-Zeul, Abgeordnete des Europa-Parlaments in Straßburg; Ralf Dahrendorf, Direktor der London School of Economics; Josef Ertl, Bundesminister für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten; Rolf Liebermann, jahrelang Operndirektor in Hamburg und Paris; Michael Marschall von Bieberstein, Leiter der Kulturabteilung beim Europarat in Straßburg; Peter Wapnewski, Rektor des Wissenschaftskollegs in Berlin.

Rudolf Walter Leonhardt (ZEIT) und Hans Gresmann (SWF) leiteten die Diskussion.

Leonhardt: Das Thema Europa zu gliedern, macht seine Schwierigkeiten. Ich schlage eine einfache Gliederung vor. Wir sollten uns überlegen: Was ist das – Europa? Nicht philosophisch belastet, sondern ganz einfach: Welche Länder gehören dazu und welche nicht?

Die zweite Frage: Warum eigentlich „Vereinigtes Europa“? Sind diese Länder vielleicht nicht viel glücklicher, wenn sie jedes für sich allein sind?

Das dritte: Wenn wir unterstellen, daß die Vereinigung irgend etwas Wünschenswertes hätte, wie geht man dann zu Werke? Und ist unsere Art, zu Werke zu gehen, die glücklichste? War sie von großem Erfolg gekrönt? Der Roman „Die Europamüden“ stammt aus dem vergangenen Jahrhundert. Die gewisse Europa-Müdigkeit ist offenbar kein Produkt unserer Tage. Wenn wir uns fragen, welche Länder gehören eigentlich zu Europa, ist es gut, von einem Zitat auszugehen, das für die Bestrebungen um das Europa nach dem Zweiten Weltkrieg keine geringe Rolle gespielt hat. Ich zitiere aus Winston S. Churchills „Züricher Rede“: „Dieser edle Kontinent, der letzten Endes die schönsten und kultiviertesten Gebiete der Erde umschließt und sich eines gemäßigten und ausgeglichen Klimas erfreut, ist die Heimat aller großen Stammvölker der westlichen Welt... Wenn Europa einmal einträchtig sein gemeinsames Erbe verwalten würde, dann könnten seine drei- oder vierhundert Millionen Einwohner ein Glück, einen Wohlstand und einen Ruhm ohne Grenzen genießen ... Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen. Nur dann können viele hundert Millionen arbeitender Menschen sich wieder den einfachen Freuden und Hoffnungen hingeben, die das Leben lebenswert machen ... Wenn Europa vor unermeßlichem Elend, ja vor dem endgültigen Verderben bewahrt werden soll, dann ist ein Akt des Glaubens an die europäische Familie nötig und ein Akt des Vergessens, was die Verbrechen und Torheiten der Vergangenheit angeht ... Der erste Schritt zur Neubildung der europäischen Familie muß eine Partnerschaft Frankreichs und Deutschlands sein ... Großbritannien, das British Commonwealth of Nations, das mächtige Amerika und, ich hoffe es zuversichtlich, Sowjetrußland – denn dann wäre wahrhaftig alles gut – müssen die Freunde und Förderer des neuen Europa sein und für sein Recht auf Leben und Wohlstand eintreten.“

Großbritannien, Amerika und die Sowjetunion als Förderer dieses neuen Europa. Dieses ist ja ein Europa-Bild, was von dem heutigen ein wenig verschieden ist. Vielleicht fangen wir nach deutscher Art weit zurück an. Ich würde gern Peter Wapnewski, der sich von Berufs wegen eigentlich mit einer Literatur befaßt, die noch ein Teil dessen, was wir heute Europa nennen, umgriff, fragen, inwieweit dieses mittelalterliche Reich, aus dem Europa wurde, mit unseren heutigen Europa-Vorstellungen Gemeinsamkeiten hat oder nicht?