Kleine Mansarde, IKEA-Regal, Kirschblütentee – das alles kommt einem ja noch bekannt vor. Aber schon diese Tassen – zu bürgerlich für einen Alternativen. Und die tausend Platten mit seltenen Opernaufnahmen überall im Zimmer verstreut, die Hunderte von Klavierauszügen – zu exzentrisch für den netten Jungen von nebenan. Mit vier Jahren liebte Christof Loy Gregorianische Choräle, mit neun Jahren erlebte er zum erstenmal „Aida“ in Verona. Es war das entscheidende Erlebnis. „Wen’s trifft, den trifft’s. Das ist nicht zu erklären.“ Bis dreizehn hatte er alle Opern gehört, die er auf Platten hören konnte, mit vierzehn begann er sein Studium an der Folkwang-Schule in Essen, als Abiturient hatte er bereits zum erstenmal Regie geführt. Kürzlich, noch nicht ganz zwanzig, erhielt er für seine „Pimpinone“-Inszenierung den auch international begehrten Folkwang-Preis der Hochschule.

Also ein Wunderkind? So ein Wunderkind, von den Eltern ans Klavier gefesselt, jetzt einsam und neurotisch, langsam dem Wahnsinn verfallend, die Nächte über Partituren, menschenscheu und ängstlich gegen das Kerzenlicht blinzelnd? Da lacht er, der Loy. Er lacht überhaupt mehr, als daß er redet. „Na klar, wenn ich schon mit zehn weiß, daß ich Opernregisseur werde, interessiert mich anderes als Autos und ‚Abba‘.“ Das bedeutet Kämpfe mit dem Bruder um den Plattenspieler, und auch in der Schule ist man natürlich ein bißchen der bunte Vogel. „Zumindest in den unteren Klassen. Und weil ich damals ja auch wirklich nichts als Opern gehört habe.“ Immerhin, die Eltern zeigen Sympathie, wenn auch vielleicht, so bei dem Abi-Schnitt, vielleicht doch, der Sohn, so als Arzt... Immerhin, ein humanistisches Gymnasium, „Griechisch-Leistungskurs“, Platon im Original, da finden sich ein paar, die gleiche Interessen haben. „Am besten verstehe ich mich mit denen, die mit Musik nichts zu tun haben“, so spricht schon ein Profi.

Die italienische Oper hat es ihm angetan, im Herrgottswinkel ein Porträt der Callas mit Autogramm. Aber nicht der Pomp und Glanz, der bei canto ist es, was ihn reizt, sondern der psychologische Konflikt, der dahintersteht. Daß „Aida“ häufig nur auf die Festzüge und Gefangenenchöre hin inszeniert wird, stört ihn. „Im Grunde ist es doch eine Liebestragödie. Deshalb kommt das Gespräch auch immer wieder auf Mozart zurück, auf „Così fan tutte“. Das Spiel mit den Herzen, Verlassen und Verlassenwerden, Betrügen und Betroeenwerden – diesen Blick in das Uhrwerk der Gefühle einmal zu inszenieren, ist sein Traum. „Die meisten ahnen ja gar nicht, was den Menschen ausmacht, zu was er alles fähig ist. Sie haben irgendwelche guten Utopien im Kopf und wissen nichts von den Gedanken ihres eigenen Herzens. So eine Operninszenierung ist auch immer eine Expedition. Es gibt Unglaubliches zu entdecken.“

Ein elitärer Lebensentwurf? „Es ist Arbeit. Ich inszeniere ja nicht für mich, sondern für die anderen.“ Auf dem Tisch liegen die Tagebücher des Samuel Pepys, jenes herrlich geschwätzige Journal aus dem London des 17. Jahrhunderts. Keine schlechte Lektüre für jemanden, der lebensvolle Oper inszenieren will.

Natürlich ist Jean-Louis Barraults „Kinder des Olymp“ sein Lieblingsfilm. Natürlich ist er ständig in irgendwelche Sängerinnen verliebt. Und natürlich träumt er von einem eigenen Ensemble. Keine Visionen eines einsamen Genies, sondern Wünsche, wie sie viele Jugendliche heute haben: etwas mit anderen zusammen machen.

Dann höre ich noch was von „Familie gründen“, und dann lacht er wieder und erzählt von der vergessenen Donizetti-Oper, über deren Partitur er jetzt schon seit ein paar Monaten sitze, und daß die Koffer nach Wien, zum weiteren Studium, schon gepackt sind. Nach Wien! Die Frage vieler Jugendlicher: weitermachen oder aussteigen stellt sich ihm nicht.

Christof Loy zuckt mit den Achseln und lacht. „Sprechen wir über Gluck ...“

Benedikt Erenz