Die Buchläden sind voller Erinnerungen an die Nazi-Zeit. Als Roman, als Erzählung, als Collage und Biographie sind die Jahre von 1933 bis 1945 – ein wenig davor, ein wenig danach – zum Unterhaltungsstoff geworden. Das ist, 50 Jahre nach jenem schrecklichen Datum der Machtübergabe an Hitler, nicht verwunderlich. Die Überlebenden – befinden sich nun zu einem großen Teil in dem Zustand, den der Sozialpsychologe Willy Hellpach als "präsenile Eidese" bezeichnet hat: in einem Alter, das die Eindrücke der Kindheit und Jugend lebhafter in die Erinnerung treten läßt als vorher.

Demnach kann mit gleichaltrigen Lesern rechnen, wer darüber schreibt. Die Produktion geht aber über diese biologischen Einflüsse auf den Buchmarkt hinaus. Die symbolische Form, die man Geschichte nennt, duldet so wenig blinde Flecken wie die Landkarte. Die Historiker sind deshalb so etwas wie die Kartographen der Zeitrechnung.

Arno Klönne, geboren 1931 und Soziologieprofessor in Paderborn, bringt die Epoche, bezogen auf die Rolle der Jugend in ihr, auf die Formel: Organisierte Jugend und individuelle Resistenz:

Arno Klönne: "Jugend im Dritten Reich. Die Hitlerjugend und ihre Gegner. Dokumente und Analysen"; Eugen Diederichs Verlag, Köln 1982; 312 S., 34,– DM.

Diese These ermöglicht es, dieser "ohne Zweifel effektivsten Jugendorganisation der bisherigen Geschichte" als "Sozialisationsinstanz" näherzukommen. Der Blick auf die vorhergegangenen und die nachfolgenden Gesellschaftsformen von Heranwachsenden wird frei. So beginnt das Buch mit einem einführenden Kapitel über Jugendgeschichte; den Hauptteil macht die Entwicklung der Parteijugend zur Staatsjugend aus. Die Gegnerschaft umfaßt den aktiven Widerstand aus der Arbeiterjugendbewegung und der davon in ihren Aktionen deutlich unterschiedenen kirchlichen Jugend; die vielfältigen "bündischen Umtriebe" bis hin zur Demonstration der Geschwister Scholl machen ein anderes Kapitel aus. Klönne beschreibt Verbindungen zum Exil und erreicht "zwischen Swing und Edelweiß" die "wilden Jugendgruppen", die sich dem zunehmenden Staatszugriff widersetzen.

Würde man den zeitlichen Verlauf graphisch darstellen, so ergäbe sich, daß sich die Hitlerjugend im "großdeutschen" Jahr 38 des Anschlusses Österreichs und des Sudetenlandes auf einem Höhepunkt befand, während sie davor "noch" mit renitenten Haltungen zu kämpfen hat und danach Renitenz gegen die zunehmende Vergewaltigung festzustellen ist eine Opposition, die sich dagegen wehrt, daß ihr das Jugendalter mit staatlichen Pflichtübungen kaputtgemacht wird. Die subjektive Lebenszeit spielt dabei eine entscheidende Rolle. Wer 1933 oder früher zehn Jahre alt wurde, hatte ein viel stärkeres Bewußtsein möglicher Freiheiten für die eigene Lebensweise als jemand, der 1936 zehn und in zu jungen Jahren für Kriegshilfsdienste, Arbeitsdienst, Militär vereinnahmt wurde, zudem einer schon nazistisch indoktrinierten Gruppe älterer Jugendlicher gegenüberstand. Klönne zitiert einen Frankfurter "Edelweißpiraten" dieser Altersgruppe, der 1932 in die Volksschule kam und 1942 sang: "Kurze Haare, große Ohren / so war die HJ geboren! / Lange Haare, Tangoschritt –/ da kommt die HJ nicht mit! / Oho. O-ho! / Und man hört’s an jeder Eck’ / die HJ muß wieder weg! O-ho, O-ho!" Dies nach der Melodie "Hofkonzert im Hinterhaus".

Tatsächlich sind diese merkwürdigen Mischungen von "Tangojüngling" und "Wandervogel" die interessantesten Gruppierungen, weil sie auf einer viel früheren Stufe gegen die politische Großorganisation rebellieren, als die ideologisch oder weltanschaulich begründeten Vereine und Bünde. Klönnes Hinweis sollte dahingehend verstanden werden, daß die Inhaber von Institutionen sich fragen müssen, was in ihren Organisationen falsch ist, wenn sie sich ähnlichen Äußerungen gegenübersehen. Die Nazis haben mit brutaler Gewalt geantwortet, – wie es ihrem Geisteszustand entsprach; aber auch heutige Antworten auf Jugendregungen und Jugendbewegungen lassen etwas vom Zustand der Großorganisation und von der Geistesverfassung der Älteren erkennen.